
Es war einmal ein Mann, der täglich über einen Bergkamm kletterte, um seine Waren in die Stadt zu befördern. Dafür musste er immer wieder dieselben Strapazen erleiden. Immerzu quälte er sich den mühsamen Weg hinauf. Und immerzu stieg er ihn auf der anderen Seite wieder herab. Das war die Aufgabe, die er von seinem Vater übernommen hatte – genauso wie dieser zuvor von seinem. Nur war er des Weges müde geworden. Schon lange konnte er die Wanderschaft nicht mehr frohen Herzens genießen und wünschte sich sehnlichst seinen Ruhestand herbei.
Nur besaß er weder Frau noch Kind.
So kam es, dass er sein Händlerlächeln überall aufsetzte. Wie sonst hätte er seine Waren verkaufen oder sich gar über den beschwerlichen Weg kämpfen sollen? Er wurde ja nicht jünger!
Viel eher wurde er so alt, dass er es eines Tages nicht mehr rechtzeitig ins Tal schaffte. Zum ersten Mal musste er in der Einsamkeit des Gebirges übernachten.
Da erklang eine schiefe Stimme.
„Ist dir das Klettern nicht überdrüssig geworden?“
Überrascht schaute er sich um, jedoch konnte er niemanden erblicken. Zu viele Wolken hingen vor dem Mond. Sie verschluckten jegliches Licht! Still fragte er, wer wohl mit ihm gesprochen hätte.
Nichts. Keine Antwort. Kein Wind regte sich. Keine Eule, kein Rascheln! So langsam zweifelte er an seinem Verstand. Ob er sich die Stimme eingebildet hatte?
„Gib mir meine Antwort und ich gebe dir deine!“
So etwas war dem Wanderer noch nie untergekommen! Eigentlich war dieser Bergweg stets verlassen. Außer ihm kletterte niemand hier lang. Die Leute aus dem Dorf blieben lieber im Dorf. Die Leute aus der Stadt blieben lieber in der Stadt. So ergab es sich seitdem er denken konnte.
Nur seine Vorfahren hatten die Berge überwunden.
„Natürlich bin ich des Weges müde. Aber wenn ich nicht mehr über die Berge klettere, wer soll an meine Stelle treten?“, erklärte er ehrlich und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können.
Als hätte der Himmel ihn erhört, teilte sich die Wolkendecke und ließ den Mond hindurch schimmern. Sanft umrahmte das Licht den Weg. Dort lagen all die Felsen, mit denen er groß geworden war. Sie hatten ihn gestützt, ihm den Weg gewiesen, ihn geführt … Er kannte jeden in und auswendig!
Oder … zumindest hatte er das geglaubt.
Denn einer dieser Felsen stand nun aufrecht da. Er hatte sich erhoben und ähnelte nun einem kleinen Menschen. In dieser Gestalt reichte er dem Händler gerade einmal bis zur Hüfte. Klein und zerbrechlich wirkte das Wesen. Wie eine Statur!
„Ich bin die Seele des Berges Har’rah – auch wenn ihr Menschen mich lieber Zwerg schimpft. Freut mich“, beinahe vornehm verneigte sich der Kleine und eilig ahmte der Händler die Geste nach.
Obwohl er sich fürchten wollte, so konnte er keine Angst in sich spüren. Dafür hätte er es zu leicht umstoßen können! Stattdessen nahm die Neugier von ihm Besitz. Er wollte wissen, ob Har‘rah schon immer am Wegesrand gewartet hätte. Was bedeutete es, die Seele eines Berges zu sein? Und warum hatte sich diese sonst nie gezeigt? Genoss dieser Har’rah sein Leben?
Gutmütig ging das Wesen auf jede Frage ein. Er erklärte dem Händler, dass es noch andere Bergseelen wie ihn gab, dass sie sich aber selten zeigten. Dass sie jedoch jeden Schritt der Menschen auf ihren Körpern spüren konnten und dass er selbst den Menschen bewunderte, weil er ihn so oft erklomm. Deswegen hatte er dem Ururgroßvater des Händlers ja auch einst diesen Weg geschenkt. Er hatte dafür extra seinen Berg verformt!
Denn dieser wäre der gutmütigste Mensch der Welt gewesen.
Aufmerksam lauschte der Mann jedem Wort. Doch störte ihn der ständige Vergleich zu seinem Vorvater. Um seinen Missmut zu verstecken, setzte er also seine Maske auf. Er erwiderte alle Komplimente höflich. Schmeichelte dem kleinen Wesen zärtlich. Lachte über jeden Witz.
Am Ende war Har‘rah so beeindruckt, dass er dem Händler drei Wünsche versprach.
„Denke bis Morgen darüber nach. Solange es in der Macht des Berges liegt, soll dir jedes Anliegen gewährt werden. Das schwöre ich!“, verabschiedete er sich, als der Mond den Zenit erreichte.
Die ganze Nacht brütete der Mann über sein Leben. Er wusste, was er haben wollte. Aber das könnte ihm ein Berg nicht geben. Er musste es cleverer anstellen. Er brauchte drei Wünsche, die sein Leben verzaubern würden.
Drei Wünsche, die ihm endloses Glück bescherten?
Er war sein Leben als Laufbursche leid!
„Als erstes wünsche ich mir, durch die Berge gehen zu können“, erklärte er, als Har’rah zurückkehrte, „Fortan wird es Wege geben, die sich nur auf meinen Befehl hin öffnen und schließen. Sie sollen auf mich und auf all jene mit meinem Blute hören und keinen Menschen mehr auf den Gipfel lassen.“
„Ein sehr … kraftvoller Wunsch“, erwiderte der Zwerg zögerlich, „Aber ich habe ihn dir zugesagt, also sollest du ihn auch erhalten. Die Wege des Berges seien die deinen. Du musst sie nur rufen.“
Der Mann nickte. Damit hatte das Wesen den Test bestanden. Es würde sich an sein Wort gewiss halten, wenn es die Löcher in seinem Körper zuließ.
Es musste!
„Als zweites wünsche ich mir, dass mich der Berg täglich mit Edelsteinen beschenkt. Ich möchte, dass es die wertvollsten Güter des Landes sind, damit ich nie wieder in Armut leben muss.“
Diesmal nickte der Zwerg ungehaltener. Er schien andere Wünsche erwartet zu haben. Wünsche, die nicht nur dem Reichtum und der Faulheit dienten. Genauso wie jener, dem er seinem Vorfahren erfüllt hatte.
Aber Har‘rah hatte nicht erkannt, dass der Händler der Welt müde geworden war. Er war es leid, dass man ihn als pendelnder Händler an beiden Orten ausschloss. Obwohl er unentbehrlich für seine Mitmenschen war, schätzte ihn niemand wert! Und so ward sein Herz verdorben.
„Zuletzt wünsche ich mir, dass du mein bist. Ich wünsche, dass du mir gehorchst, dass du jedem mit meinem Blute treu bleibst und keinem anderen je einen Wunsch gestattest. Ab heute bin ich dein Meister, Har’rah!“
Still starrte das kleine Wesen ihn an. Er zitterte. Nein. Der Berg zitterte! Für einen Moment befürchtete der Händler, es übertrieben zu haben. Aber nein. Har’rah hatte ihm die Wünsche zugesichert!
Har’rah war nun sein Eigentum!
Und Har’rah wusste es. Er hatte es geschworen. Er war die Seele des Berges. Und das Wort des Berges war in Stein gemeißelt. Nichts könnte es zerstören! Mit Har’rah an seiner Seite würde der Händler sich jederzeit nehmen können, was er wollte. Er würde endlich die Macht bekommen, die ihm zustünde! Jeder Reichtum, jede Huldigung wäre sein! Und wenn sich jemand gegen ihn stellte könnte er ihn im Berg einsperren. Endlich würde man ihn wertschätzen!
„Wie Ihr wünscht“, entgegnete Har’rah zornig, „Auf dass euer Blut eines Tages wieder so würdig ist, wie das Eures Ururgroßvaters!“
Das Beben endete und fortan begann das Zeitalter der Unterdrückung.
