„Wenn du ein neues Leben beginnen möchtest, so folge mir. Weder ich noch meine Familie werden sich von dir abwenden“, erklärte Mira dem winzigen Kind vor sich.
Es war ein Mädchen. Höchstens sechs Jahre alt. Ihre Lumpen erinnerten sie an ihre eigenen. An damals. Als sie in den Wald gejagt wurde. Fort, von den scheußlichen Menschen. Zu der einzigen Mutter, die sie bedingungslos annahm.
„Du bist eine … Hexe?“, flüsterte die Kleine.
„Miracula“, korrigierte sie sanft, „Möchtest du auch eine werden?“
Das Kind stolperte einen Schritt zurück. Sie schaute über ihre Schulter. Schien inne zu halten.
Tun sie’s nicht immer noch? Sie lieben ihr Kinde doch! Sie würden ihm nix rauben! Und dennoch …
Dennoch sitzet es zerbrochen dort Und egal, wie tief man bohrt, Gibt es keine Antwort.
Der Schatten der Vergangenheit Hat genug vom Leid. Er kann nicht länger mitanschauen, Wie das Kind im Inner‘n schreit.
Einst wurde es geschlagen. Einst wurde es getreten. Einst … Einst. Einst?
Einst hält doch bis heute an! Deswegen lässt es kein Glück heran! Es glaubt, es würde zu nix taugen. Deswegen ist es dran …
Dran zu schrei’n, Dran zu wein’n Ganz geheim Ganz allein In seiner Pein Daheim …
Der Schatten der Vergangenheit Verscheucht die Besonnenheit Mit verächtlichem Schnauben.
Es ist an der Zeit.
Es ist an der Zeit, zu graben. Es ist an der Zeit, etwas zu sagen. Es ist an der Zeit, Hilfe einzuklagen!
Sanft besäuselt er das Kind, Damit er es für sich gewinnt. Er gibt ihm Wind, Damit es beginnt
Zu sprechen.
Es soll sich rächen!
Das Kind beugt sich weg. Es erkennt keinen Zweck. Es hat kein Vertrauen. Es sieht sich als Dreck.
Es ist an der Zeit, umzulenken. Es ist an der Zeit, umzudenken. Es ist an der Zeit, Bedenken
Zu ertränken!
Das Kind beginnt zu verstehen. So kann es keine Zukunft sehen. Mit Bedauern Will es einige Schritte gehen.
Doch halten Wurzeln es fest! Es darf nicht aufstehen vom Nest! Dieses Nest, das es nicht ziehen lässt!
Mutter hält inne. Vater erhebt die Stimme:
„Es darf nicht stehen. Es darf nicht flehen. Es darf niemals gehen. Wie kommt es auf diese dummen Ideen?!
Das Kind hat fügig zu bleiben! Es hat zu verweilen! Wo soll es sich schon rumtreiben? Warum will es heilen?
Heilen! Ha! Wovon? Dass es sich mal wieder besonn!
Hier ist wie einst: Alles gut. Alles leicht. Alles frei.“
Der Schatten der Vergangenheit Macht sich wütend bereit. Er kann seinen Ohren nicht trauen. Frei nennt sich dieses Kleid?!
Das ist ihm zu dreist! Er knurrt und er reißt! Denn er verheißt:
Den Abschied.
Das Kind senkt die Lider. Es zittern die Glieder. Es sieht nicht auf-
„LAUF!“,
Schreit Der Schatten der Vergangenheit.
Erschrocken hebt es den Blick. Noch hält es ihn für einen Trick. Es muss doch auf-
„LAUF!“,
Erneut schreit Der Schatten der Vergangenheit.
Das Kind erblickt sein eigenes Gesicht. Ein Schatten im Licht. Nein. Sein Schatten im Licht. Die Tränen sieht es nicht-
Nicht mehr.
„Hier ist’s nicht fair. Hier fällt’s uns schwer. Ich wünsche mir so sehr Einen Abschied her.
Für dich. Für mich. Bitte sprich!“
Der Schatten der Vergangenheit Erinnert an das einstige Leid.
Einst … Einst. Einst?
Die Wurzeln hängen schlapp, Sie lassen endlich ab, Sie fallen herab.
Einst war gestern. Einst ist heute.
Vater und Mutter sprechen, Sie wollen ihre Zechen, Sie wollen das Kinde brechen …
Aber diese Leute, Nein, diese Meute, Bekommt keine Beute!
Mit der Erkenntnis sprießen Flügel empor. Mit der Erkenntnis, die ihm fehlte zuvor. Mit der Erkenntnis trat das Kind hervor. Nein. Kein Kinde mehr. Denn es setzte sich zur Wehr.