Märchenstunde: Der neue Pakt II

„Was ist so lustig?“

Die Worte klangen so melodisch in Libers Ohren wider, dass er die Sprecherin sofort erkannte. Stumm setzte er sich auf und erwartete dabei fast, sie im Wasser neben seinem Boot vorfinden zu müssen. 

Stattdessen lehnte sie bereits halb darin. 

Sie trug ihre menschliche Gestalt. Jene mit den zwei Beinen, den langen dunklen Haaren und ihren normalen Zähnen. Auch konnte er weder Schuppen noch Schwimmhäute entdecken. Genau, wie bei ihrer ersten Begegnung. Und ganz anders, als sein Vater sie ihm zuletzt beschrieben hatte. 

Dieser hatte sie meist mit einem blutrünstigen Ungeheuer verglichen. 

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Märchenstunde: Der neue Pakt I

Liber erschauderte, als er das Meer erblickte. Er war endlich am Hafen. Bei den schwankenden Booten und singenden Möwen. Er spürte, wie die Leute ihn beobachteten. Nicht nur der Diener, der ihm hierher gefolgt war. Auch die Fischer und Dorfleute. Immerhin war er derjenige, der er als Nachfahre Gioves gepriesen wurde. Er war derjenige, den sie als ihren König besingen wollten. Er war einer der drei Überlebenden seiner Linie …

Vor drei Jahren hatte er seine Reise zum Manne an diesem Hafen angetreten. Er hatte sich in ein kleines Segelboot gesetzt und die Insel umrundet. Er hatte Bellona getroffen. Und er hatte als erster seit Salacia ihren Test bestanden. Für seither hatte sie ihn nicht nur durch ihre Meere ziehen lassen – sie hatte sogar seine Boote in den Stürmen beschützt. Doch hatte diese friedliche Geste seine Cousins übereifrig werden lassen. Sechs von ihnen hatten darauf bestanden, dass der „dumme Liber“ nicht besser sein könne, als sie selbst. Sie hatten sich am Hafen verabredet. Hatten sich Boote von den Fischern gestohlen. Hatten die Insel eigenständig umfahren wollen. Hatten daraus sogar ein unbedachtes Wettrennen veranstaltet!

Keiner von ihnen überlebte Bellonas Prüfung. 

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Märchenstunde: Der Biss der weißen Schlange III

Scute kehrte noch am selben Tag ins Dorf zurück. Diesmal brauchte er sich keine Sorgen um die Raubtiere des Dschungels zu machen. Alle machten ihm auf dem Rückweg Platz. Alle zeigten ihm Respekt.

Dank des Mals der weißen Schlange, das diese an seinem Handgelenk hinterlassen hatte.

Noch immer echoten ihre letzten Worte durch seinen Kopf. Mit diesem Biss gehörte er ihr. Er hatte ihr zu gehorchen. Er hatte all jene mit demselben Zeichen zu respektieren. Und er hatte sein Haupt vor ihnen zu beugen. Aber dafür stand er auch unter ihrem Schutz. Sie schenkte ihm ihr Wissen. Sie schenkte ihm ihre Gaben. Ihre Umsicht. Ihre Gedanken.

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Märchenstunde: Der Biss der weißen Schlange II

Einen ganzen Tag irrte Scute durch den Dschungel, ohne wirklich voran zu kommen. Den Worten der Wahrsagerin folgend hatte er sich auf alles konzentriert, was ihm nicht als groß erschien. Doch war das wenig erfolgversprechend. Es gab viel zu viele Blumen und Insekten, die das Heilmittel für seine Großmutter in sich tragen konnten! Wie konnte die Wahrsagerin also sicher sein, dass er es finden könnte?

Nachdenklich hangelte er sich einen anderen Baum entlang. Es war die sicherste Art der Fortbewegung. Zwar schmerzten ihm die Arme davon, aber das hieß nur, dass sie noch nicht Futter für eines der Tiere geworden waren. Auch hatte er es nicht gewagt, nachts die Augen zu schließen, weswegen die Müdigkeit ihn sachte umwob.

Bald würden Scutes Kräfte versagen …

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Märchenstunde: Der Biss der weißen Schlange I

Scute tastete das ausgetrocknete Flussbett mit einem langen Stock ab. Er musste seinen ganzen Weg über hineinstochern. Nur um herauszufinden, wo die Erde noch matschig war. Wo sich die Schlammpfützen versteckten. Und wo er seine Füße sicher absetzen konnte. Erst als er auf der anderen Seite des Flusses ankam, konnte er damit aufhören.

Nachdenklich schaute er zurück. In zwei Tagen würde hier wieder der reißende Fluss hindurch peitschen. Davor musste er das Heilmittel für seine Großmutter finden. Das hatte die Wahrsagerin prophezeit.

Und die Wahrsagerin lag immer richtig.

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