Lichter der Vergangenheit

Die kühlen Gräser unter mir,
Der weite Himmel über mir.

Und ich so endlos klein.

Schleichende Kälte unter mir,
Weit entfernte Lichter über mir.

Und ich fühl‘ mich hier allein.

Die Sterne sind zum Greifen nah, 
Die Sterne sind in großer Schar,
Die Sterne sind so hell und klar,
Die Sterne sehen mich als Narr.

Denn meine Hand ist ausgestreckt.
Sie hält sich nicht bedeckt,
Sie möchte diese Lichter erfassen,
Sie möchte zu den leuchtenden Massen,
Sie möchte hochgezogen werden,
Sie möchte fort von diesen Erden.

Frei fliegen,
Frei strahlen,
Frei tanzen,
Frei sein …

Verloren starre ich in den Himmel,
Sehe das wilde Gewimmel,
Sehe das bunte Gebimmel,
Sehe einen stürzenden Schimmel?

Schneeweiß galoppiert er hinab,
Hinab, in sein finsteres Grab.
Hinab ins endlose Nichts,
Das keine Zukunft verspricht.

Meine Hand sinkt nieder,
Ich erkenne mich kaum wieder.
Ich habe Angst vor dem Schein,
Möchte nun Zuhause sein.
Drum strecke ich die Glieder,
Sehe müde nochmal nieder.

Kalter Stein, kalte Gravur,
Vom Lächeln keine Spur.
Ich lege die weiße Lilie ab,
Trete fort von dem Grab.

Im Blütenmeer

Genießend in der warmen Brise,
Sitze ich auf einer grünen Wiese.
Über mir aber nicht nur grün.
Nein, grün, weiß und pink –
Seht nur flink!
Seht ihr es blüh’n?

Der Wind umspielt,
Die Blüten so lieb,
Er säuselt und zieht,
Er ist ein Dieb!

Ein Dieb, der die Farben verweht,
Der sie als Regen hinabfegt!
Ein Regen aus Schönheit,
Ein Regen der Sanftheit.
Ein Regen der Verlogenheit?

Blütenblätter, Blumen, Knospen –
Einst sind sie an Ästen gesprossen,
Nun am Boden ergossen
Oder eher vergossen?

Der Dieb gibt sich herzlich.
Der Dieb gibt sich lieblich.
Doch ändert er sich?

Er tanzt durch die Blätter,
Verzaubert das Wetter,
Spielt Lieder über das Leben,
Predigt das Geben.
Ich hör ihn nur reden!

Ich blicke mich um,
Verzweifle stumm.

Um uns ist ein Meer aus purer Schönheit.
Um uns ist eine Spur Vergänglichkeit.
Um uns sind diese sanften Farben.
Die just hier starben.

Duftende Erinnerungen

Manche Erinnerungen sind gestochen scharf,
Rezitieren kann ich sie im Schlaf. 
Die Farben sind ein Ticken zu grell, 
Der Klang des Echos so klar und hell.
Die Gerüche habe ich jedoch fast vergessen, 
Dennoch können sie mich nun erpressen.

Steigt mir die Zimtnote in die Nase, 
Beginnt die Weihnachtsekstase!
Petersilie erinnert mich an warme Tage, 
Gemüsesuppe an die kulinarische Plage.
Gebratene Zwiebel und gebratenes Ei
Ersehnen eine nette Plauderei.
Doch der Duft von Zitrone
Versendet Glückshormone
Und sie feuern wie Zyklone
Durch all meine Neurone!

So viele Gerüche mögen mich necken,
Nur müssen sie mich erst aufwecken.
Bis dahin weiß ich nicht, was sie aushecken, 
Sie müssen erst die Gegenwart beflecken. 

Erinner‘ ich mich an gestern zurück, 
Sehe ich nur das alltägliche Glück, 
Aber welchen Duft mein Kopf sich pflückt?
Welchen er mir für gestern aufdrückt?

Das weiß ich erst in mehreren Jahren,
Wenn meine Zellen sie sicher verwahren.

Abschiedsworte

Du schriebst,
Mit Tränen in den Augen ist man blind.
Du schriebst,
Man sieht die Dinge nicht, wie sie sind.

Du schriebst es so flüssig, so eigen,
Die Worte klangen, wie die deinen,
Wie ein weit entferntes Licht
Und waren es doch nicht …

Du hattest ihnen im Radio gelauscht,
Sie hatten Dich dort so berauscht,
Du hast sie daher aufgebauscht –

Eilig notiert.

Du hattest sie uns hinterlassen,
Hast sie versteckt gelassen,
Bis wir sie nun umfassen –

Ein stiller Abschied.

Hier und da sind Lücken,
Das sind die Gedächtnis-tücken,
Deine alten Krücken –

Ein Stück von Dir.

Denn ja, die Sterne strahlen noch bei Nacht,
Und alles, was mich heute traurig macht,
Wird hoffentlich vergehen …

Aber wird es wie ein Traum sein?

Wie soll ein bittersüßer Traum vergehen?
Ich möchte Dich doch in meinem Herzen sehen!
Ich möchte Dich immer bei mir tragen.
Ich möchte Dich niemals vergraben!

Diese Tränen schmerzen nicht.
Diese Tränen erinnern sich.
Diese Tränen lieben Dich …

Gern schaue ich nach vorn,
Aber bitte, lieber Leuchtturm,
Erwarte kein Adieu.

Mit Andeutungen auf das Lied „Mit Tränen in den Augen ist man blind“ von Julio Iglesias.

Verschallendes Echo

Am Anfang ist alles glasklar,
Man sieht die Welt so wahr,
Man sieht alles, wie es ist,
Man hofft, dass man nichts vergisst.

Die Farben stechen grell hervor,
Die Töne schallen deutlich ins Ohr,
Gerüche vernebeln die Sinne,
Mittendrin eine vergängliche Stimme.

Die Stimme vom letzten Jahr.

Ja, der Anfang ist stets so offensichtlich.
Er wirkt gar so zuversichtlich.
Niemand erwartet Komplikationen,
Man rechnet mit Legitimationen,
Keine Frustrationen,
Nur Faszinationen.

Jedes Jahr …

Jedes Jahr dieselbe Geschicht‘,
Als gäbe es was anderes nicht,
Als sähe man die Wahrheit nicht,
Als habe man sich zuvor bloß nicht getraut,
Als wäre die Welt nun jedoch zu taub,
Als wäre die Zukunft verbaut …

Denn wie sonst könne man erklären,
Dass wir unsere eigenen Wünsche verschmähen?
Dass wir wie Affären,
Das Leben entehren?

Das Echo aus dem letzten Jahr ruft,
Dieselben Worte – wieder und wieder aus.

Das Echo aus dem letzten Jahr ruft,
Dieselben Hoffnungen hinaus.

Das Echo aus dem letzten Jahr verblasst …
Denn es sieht alle Möglichkeiten verpasst.

Möge das neue Jahr schaffen,
Was ihm selbst nicht vergönnt war.