
Die nächsten Wochen suchte Pan immer derselbe Alptraum heim. Er verlor darin sein Augenlicht. Hörte jemanden hinter sich atmen. Dann keuchen. Er fühlte sich nackt. Geradezu hilflos, während die fremde Stimme mit ihm sprach und ihn so wieder erweckte.
Einzig die Worte der Stimme veränderten sich. Erst hatte sie Pan so schief gefragt, ob er nicht blind sein wolle. Später, warum er zu spät gekommen wäre. Zuletzt warf sie ihm vor, dass er nicht besser als die sesshaften Bauern wäre.
Jene hätten dieselben Fehler gemacht.
Pan hätte am liebsten gelacht. Doch fehlte ihm dafür jegliche Kraft. Seine sporadischen Flötentöne zerrten bereits an ihm. Die Lieder, die er immer wieder spielen musste, damit sich die Menschen nicht gegen ihn auflehnten. Damit sie weiter durch ihre Trance schwankten. Damit sie ihre Strafe absaßen!
„Ich kann nicht ewig so weitermachen“, erkannte er still, „Ich … ich brauche Hilfe …“, damit starrte er seine Flöte an.
Die einzige Heilung, die er kannte, war ein Lied. Ein Lied, das zu einem traumlosen Schlaf führte. Das ihm endlich die wohlverdiente Erlösung vor der Stimme und den damit verbundenen Alpträumen bringen sollte. Das er sich jedoch nicht selbst vorspielen konnte …
Dafür bräuchte er einen zweiten Musiker.
Erschöpft starrte Pan auf seine Flöte. Er kippte sie etwas an. Erst in die eine Richtung. Dann in die andere. Zuletzt schloss er seufzend die Augen-
-und glaubte erneut, jemanden hinter sich atmen zu hören.
„Ich verliere den Verstand …“
Damit stand Pan auf und schlürfte zur Haustür. Er beobachtete die schuftenden Menschen. Seine Sklaven. Seine Willenlosen.
Darunter auch Bacchus …
Der Junge schwang seine Sense über den hinteren Teil des Feldes. Jenen Teil, der bereits kurz geschoren wurde. Der einzig für Bacchus noch nach Arbeit rief.
Denn eigentlich hatte Pan ihn weit fort von sich wissen wollen.
Doch er konnte sich mit der nächsten Aufgabe unmöglich an jene Menschen wenden, die ihn bereits nach dem ersten Anblick verurteilt hatten …
Schwerfällig blies er in seine Flöte und rief so Bacchus zu sich. Er beobachtete, wie der Junge sich zum Haus schleppte. Wie er sich über das Feld an den anderen Bauern vorbeikämpfte. Wie seine Züge immer größer wurden.
Die Trauer hatte sich in seiner Mimik verankert.
Erschöpft lehnte sich Pan gegen die Wand, während er auf den langsamen Jungen wartete. Dabei kam ihm jeder Schritt schwerfälliger als der vorherige vor. Er wollte seine Augen zufallen lassen. Er wollte-
Dunkelheit. Ein stilles Lachen hinter ihm. Dann erklang die Stimme direkt neben seinem Ohr.
„Du kannst deinem Fehler nie entkommen!“
Schaudernd befand er sich wieder im Flur. Der Tagtraum war so abrupt, so fordernd gekommen. Er hatte ihn verschlungen! Für einen Moment war Pan so, als wäre er aus einem Sprint erwacht. Als hätte er vor dieser Stimme fliehen müssen!
Dann tauchte auch schon Bacchus schlürfend vor ihm auf.
„Mitkommen“, forderte Pan hastig, und lotste den Jungen nach nebenan.
Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Bacchus ihm willenlos gehorchte. Dennoch erfüllte ihn sein Vorhaben mit Sorge.
Er würde sein Schicksal in die Hände jenes Menschen legen, der ihn bereits einmal angegriffen hatte …
Seine Hufe stolperten über einen Stein und, um seine Würde zu behalten, setzte sich der Musiker eilig auf den Boden. Er wies Bacchus an, ihm nachzuahmen. Sich dazu zu gesellen. Deutete dann auf einen Stock, der etwas abseits lag.
„Gib her“, forderte er.
Bacchus gehorchte. Ja. Er würde Pan immerzu gehorchen. Er stand ja noch unter dessen Bann. Pan brauchte sich keine Sorgen zu machen.
Er würde Bacchus nur das Schlaflied der traumlosen Nächte beibringen …
Trotz seiner Müdigkeit, riss sich Pan zusammen. Er ritzte die Positionen der Löcher von seiner Flöte auf den Stock. Dann wies er Bacchus darin ein, wie er den Stock halten sollte. Wie er pusten musste. Wie er den Rhythmus hielt.
Und sobald er glaubte, dass der Junge keinen Fehler machen würde, hielt er ihm seine Flöte hin.
„Spiele es dreimal. Verlasse dann das Haus ohne meine Flöte und hilf draußen weiter aus. Verstanden?“, befahl er.
„Natürlich“, Bacchus neigte den Kopf.
Kurz darauf konnte Pan das erste Mal seit Wochen die Augen unbesonnen schließen.
