
Scute tastete das ausgetrocknete Flussbett mit einem langen Stock ab. Er musste seinen ganzen Weg über hineinstochern. Nur um herauszufinden, wo die Erde noch matschig war. Wo sich die Schlammpfützen versteckten. Und wo er seine Füße sicher absetzen konnte. Erst als er auf der anderen Seite des Flusses ankam, konnte er damit aufhören.
Nachdenklich schaute er zurück. In zwei Tagen würde hier wieder der reißende Fluss hindurch peitschen. Davor musste er das Heilmittel für seine Großmutter finden. Das hatte die Wahrsagerin prophezeit.
Und die Wahrsagerin lag immer richtig.
Damit wandte er sich dem Dschungel zu. Von hier an musste er vorsichtiger sein. Auf dieser Seite des Flusses hauste die Gefahr. Hier lebten Raubkatzen, so groß wie die Hütten in seinem Dorf. Wandernde erzählten von geschuppten krokodilähnlichen Wesen, deren Bisse wie Feuer brannten. Und seine Großmutter hatte mal von Schlangen berichtet, die so lang waren, dass eine allein das gesamte Dorf umschlingen konnte!
Scute kannte jede dieser Geschichten auswendig. Er war mit ihnen aufgewachsen. Wo die anderen Kinder von ihren Eltern mit auf die Felder oder zur Jagd genommen wurden, war Scute bei seiner Großmutter geblieben. Er wusste nicht einmal, ob sie wirklich seine Großmutter war. Nur, dass sie sich um ihn gekümmert hatte, als keiner sonst sich um ihn scherte. Sie hatte ihn versorgt. Sich um ihn gesorgt. Auf ihn aufgepasst …
Und nun lag ihr einziges Heilmittel im Dschungel verborgen.
Damit strafte Scute den Rücken durch und trat in den dichten Wald. Hier war es schwül. Schwül und düster. Er mochte es nicht. Aber er hatte keine Wahl. Er konnte nicht zulassen, dass seine Großmutter starb!
Außerdem hatte die Wahrsagerin gesagt, dass nur er das Heilmittel rechtzeitig beschaffen könne …
Genau! Er musste sich nur oft genug daran entsinnen. Dann würde ihm dieser Dschungel schon nicht so zu schaffen machen. Er hatte ja auch das Flussbett überqueren können. Wer sonst hatte es je in einem Stück hinüber geschafft?
Wer sonst war zurückgekehrt?
Die aufsteigenden Zweifel erstickten seine Gedanken. Doch konnte Scute sie nicht abschalten. Sie waren ein Teil von ihm. Und dieser Teil von ihm begleitete ihn nun. Es war, als spürte er die Gefahren, die ihn umgaben. Die giftigen Zähne, die scharfen Klauen, die-
Etwas knackte.
Erschrocken hielt der Junge inne. Er schluckte. Wandte sich zur Seite. Starrte auf den Vogel, der im Baum neben ihm hockte. Der auf einen anderen Ast sprang und sich in die Lüfte schwang.
Dabei knackte der Ast unter seinem Gewicht erneut.
Erleichtert atmete Scute auf. Seine Beine fühlten sich wie der Schlamm an, den er zuvor mit dem Stock im Flussbett ertastet hatte. Sein Bauch hingegen drückte. Als ob er etwas Verdorbenes gegessen hatte und sich gleich übergeben müsste.
„Reiß. Dich. Zusammen!“, belehrte er sich selbst.
Ja. Er konnte es schaffen. Nein. Er musste es schaffen!
Die Wahrsagerin hatte ihm prophezeit, dass er nur zwei Tage hatte. Er sollte in dieser Zeit auf sich aufpassen. Und er sollte bedenken, dass sein Ziel im Unscheinbaren verborgen lag. Das Kleinste wäre auch das Stärkste.
Mehr Hinweise zu dem Heilmittel hatte sie ihm nicht offenbart.
Es konnte alles sein! Eine Blume. Ein Tier. Ein Zauber. Scute hatte keine Ahnung, wonach er suchen sollte!
Und dennoch war er unter dem Protest seiner Großmutter aufgebrochen.
Sachte schob er sich an einigen Ästen vorbei. Er suchte nach einem Durchgang zwischen den Bäumen. Nach etwas Platz und vor allem Licht, um seine Umgebung genauer betrachten zu können.
Überrascht hielt er inne. Ein Nest lag vor ihm. Ein Nest mit drei weißen Eiern. Sie hatten kleine gelbe und graue Flecken. Und sie waren winzig! Kleiner noch als sein Daumen!
Langsam streckte Scute die Hand nach ihnen aus, als ein riesiges Gebiss aus dem Gebüsch neben ihm schoss. Gewaltige Zähne schnappten nach ihm und er konnte gerade noch zur Seite springen, ehe sie ihn erwischten.
„Hallo“, entfloh es ihm, als er das gewaltige Krokodilwesen betrachtete, „Ich wollte schon wieder gehen, ja? Ehm-“
Erneut schnappte das geschuppte Wesen nach ihm und so nahm Scute die Beine in die Hand. Er stürzte durch das nächste Gebüsch – direkt vor die Fänge eines anderen Krokodilwesens.
„Familienfeier, ne?“, fragte er und wich dem nächsten Schnappen aus.
Das wurden ja immer mehr! Und das mussten bereits an die zwanzig Reptilien sein. Alle grölten in seine Richtung. Alle beobachteten ihn. Alle-
Er musste hier weg!
Eilig schwang er sich über eines der Wesen und kletterte auf den Baum dahinter. Es war seine einzige Chance. Denn bei diesen kurzen Stummelbeinen erwartete Scute keine akrobatischen Kletterkünste von den Tieren. Er musste nur lange genug hier oben ausharren, ehe er-
Rumps!
Der ganze Baum wackelte, als die Reptilien sich dagegen warfen. Scute hörte, wie das Holz krächzte. Er spürte, wie es sich nach unten neigte. Wie-
Nein!
Behände kletterte er höher und hangelte sich durch das Blätterdach auf den nächsten Baum. Er fühlte sich wie ein Affe. Aber auch wie jemand, der überleben konnte. Der überleben würde!
Er musste.
Fünf Bäume später konnte er wieder aufatmen. Scute lehnte sich erschöpft gegen den Stamm. Sein Blick blieb jedoch nach unten gerichtet. Nach unten, wo endlich keine Reptilien sich mehr über den Boden schoben. Stattdessen konnte er eine Raubkatze erblicken. Sie stolzierte einen dürren Pfad entlang. Unter ihm hielt sie kurz inne und schnupperte neugierig. Nur schien sie zum Glück nicht weiter an ihm interessiert zu sein.
Erst als Scutes Herzschlag sich wieder beruhigte, kletterte er wieder etwas hinab. Dabei hielt er immer wieder inne, um seine Umgebung genauer zu betrachten. Um sich Mut zu machen.
Um an seine Großmutter zu denken.
Sie hatte bei seiner Verabschiedung so blass ausgesehen …
Damit schob er sich tiefer in den unbekannten Dschungel. In diesen teuflischen Dschungel, der nur auf seinen Tod wartete …
