
Nachdenklich lehnte sich Domini an eine kahle Wand des Berges, von der er aus Novas Unterschlupf sehen konnte. Hier wartete er auf das Mädchen, mit dem er sich jeden Halbmond traf. Deita. Die Ziehschwester seiner eigenen. Und eine der wenigen, die wusste, wer Nova wirklich war.
„Du hast lange gebraucht“, grüßte er, als sie die Klippe bezwang.
Es war zu gefährlich, ihr aufzuhelfen. Wenn sein Vater oder seine Geschwister bemerkten, dass der Berg sich hier verschob, würden sie ihn leichter finden können. Es könnte ihnen auffallen, dass er regelmäßig herkam. Vielleicht würden sie sogar erkennen, dass Nova noch lebte. Dass der verbrannte Körper, den er letztes Jahr seinem Vater gebracht hatte, nur eine Fremde gewesen war.
Es war das Schlimmste, was er je tun musste: Einen toten Kinderkörper kaufen. Ihn ins Feuer zu werfen, um ihn unkenntlich zu machen. Das verbrannte Fleisch in ein Tuch wickeln, um das Bündel wortlos seinem Vater zu präsentieren …
Nur so war sie aus der Nachfolgesuche ausgeschieden.
„Deine Halbschwester ist im Dorf.“
Deitas Worte ließen ihn erstarren. Ein Schauder erfasste Domini. Neben ihm waren nur noch Maria und Maximus im Rennen. Beide hatten seine Schwester zu Beginn der Nachfolgesuche gesehen. Beide könnten sie erkennen!
Sollte ihre Trennung, ihr Leiden, ihr vorgetäuschter Tod … Sollte es alles umsonst gewesen sein?
„Was will sie?“, zwang er heraus.
„Sie sucht Handlanger“, erklärte Deita schulterzuckend, „Vater hat überlegt, sich ihr anzuschließen. Aber Mutter war dagegen. Sie hat ihn richtig in die Mangel genommen. Wusstest du, dass diese Maria sich selbst verkauft?“
„Ihre Verbundenheit zum Berg war nie die beste gewesen. Ich hatte mich schon gewundert, wie sie überhaupt so lange überlebt hatte“, murmelte er.
„Indem sie anderen die Drecksarbeit überlässt“, erklärte Deita.
Er nickte. Domini wusste, dass sie Schwäche verabscheute. Wer sein eigenes Gewicht nicht schleppen konnte, sollte es in ihren Augen liegen lassen. Wenngleich er es anfangs als falsch empfand, so verstand er …
„Kehr‘ zurück. Ich kümmere mich um meine Halbschwester“, verkündete er.
„Endgültig?“
Er nickte. Stumm beobachtete er, wie das Mädchen wieder den Berg herabstieg. Sie glitt dabei wie ein Wassertropfen hinab. Flüssig und leicht.
„Ich werde dich brauchen“, flüsterte er dem Berg zu, „Nur noch zwei. Dann ist es vorbei, ja?“
Domini wusste nicht, ob er sich die Wärme in seinem Herzen einbildete oder ob sie wirklich da war. Sie fühlte sich leicht an. Liebkosend. Seitdem er Nova bei Deita und ihrer Mutter zurückgelassen hatte, beruhigte sie ihn. Als würde der Berg sich um ihn sorgen.
Ob er sich das nur einbildete? Ob er noch immer seine Mutter vermisste?
Er lief zum steilen Ende der Klippe. Dort holte er einmal Anlauf und sprang. Es war ein vertrauter Sprung. Direkt auf die Kante des Berges, an der er hinunter schlitterte. Er brauchte nicht einmal die Hilfe des Berges, damit dieser ihn auffing. Nur einen Baum in der nächsten Kurve, an dem er sich kurz festhielt, um die Richtung zu ändern. So kam er kurz nach Deita am Dorf an.
„Wo?“, fragte er den Boden und augenblicklich bildete sich eine Miniaturansicht des Dorfes vor ihm. Domini brauchte nur einen Blick, um zu erkennen, wo sich zu viele Menschen für die Nacht befanden.
Kurz darauf schlich er sich um Marias Handlanger herum. Keiner von ihnen nahm ihn ernst. Wieso auch? Über die Jahre hatte Domini gelernt, sich an die Bewohnenden des Berges anzupassen. Er trug keine Tracht, die ihn als Nachfolgekind auswies. Nur einfache Leinenhemden und abgetragene Hosen. Dinge, die er von den Menschen bekam, deren Felder er auflockerte.
So näherte er sich dem Lagerfeuer neben jenem, an dem Maria saß.
„Natürlich bist du einzigartig“, vernahm er ihre goldene Stimme, die sie einen Mann des Dorfes richtete, „Deine Frau ist blind! Du tust mir so leid. Wenn du dich ihrer doch nur entledigen könntest …“
„Meine Töchter auch. Sie sehen mich nicht für mich nur als-“, er stockte.
„Sie haben kein Herz!“, säuselte Maria, „Vielleicht solltest du dir ihre nehmen?“
„Ja! Ich sollte-“
Domini erhob sich mit dem Mann. So konnte nicht direkt auffallen, wie er nach seinem Dolch griff. In einer flüssigen Bewegung wandte er sich um und stieß die Klinge in den Bauch seiner Halbschwester. Er ignorierte die hektischen Bewegungen um ihn herum. Das Geschrei. Die gezogenen Schwerter. Für diese gab es nur eine Lösung.
„Festhalten“, befahl er still.
Die Füße der Angreifenden versanken im Boden und blieben darin stecken. Mehrere Leute keuchten. Andere fluchten. Einer legte seinen Bogen an. Griff nach einem Pfeil. Erstarrte.
Domini hatte seinen Blick auf ihn gerichtet. Er legte ein Versprechen in seinen Blick. Der Mann solle nur schießen.
Schießen und sterben.
Klimpernd ließ der Mann seine Waffe fallen.
„Du-“
„Still!“, befahl Domini dem nächsten Handlanger.
Seine Augen legten sich auf Maria. Auf ihre trüben Augen. Er hatte sauber zugestochen. Nicht so, wie vor drei Jahren, als er noch mehrere Stöße gebraucht hatte, um einen seiner Brüder auszuschalten.
Ihr Leben war verwirkt.
„Schick sie zu Vater“, bat er den Berg, welcher ihren leblosen Körper sofort verschluckte. Erst danach wandte er sich an die Handlanger und den Mann, den Maria gerade anwerben wollte. Sein letzter Befehl hatte auch die Dorfleute an den Berg gekettet. Gewiss würde ihn niemand bei seinem kurzen Gespräch stören.
„Du scheinst mir kein treuer Vater zu sein“, sprach er ruhiger, als er sich fühlte.
„Was kümmert dich das, Mörder?!“
Mörder. Ja. Domini war ein Mörder. Aber das hieß nicht, dass er einer sein wollte. Viel lieber wäre er mit Nova und seiner Mutter ans Ende der Welt geflohen. Er hätte diesen Nachfolgefluch den Rücken gekehrt!
Aber das war nie eine Option gewesen.
„Ja, ich bin ein Mörder. Nur bedeutet das nicht, dass mir das Leben egal ist“, er lächelte, ehe er sich an Marias andere Handlanger wandte, „Eure Herrin ist tot. Ich werde euch nun zum Fuße des Berges schicken. Solltet ihr erneut vor mich treten, erwarte ich eine kostspielige Entschuldigung oder ich werde eure Leben allesamt einfordern. Eure Wahl.“
Damit schickte er sie fort. Er wollte sie nicht mehr sehen. Er wollte sich nicht mit ihnen befassen. Nicht in Erwägung ziehen, ob auch sie ihre Familien getötet hatten.
Nicht solange sein ältester Halbbruder Maximus noch dort draußen war.
Ob er das Beben des Berges gespürt hatte? Gewiss würde er herkommen, oder?
Nachdenklich befreite er die restlichen Leute. Es dauerte nicht lange, bis Deita und ihre Mutter herangeeilt kamen. Erst dann wurde Domini bewusst, dass der Mann neben ihm Deitas Vater gewesen war. Nur konnte er da schon seine Augen nicht mehr von Deita nehmen.
Deita, die eine verängstigte Nova in ihren Armen wog.
Fragend hob er eine Augenbraue.
Sie nickte stumm zum Boden und dann wies sie auf Novas rote Knöchel.
Ja. Er hatte auch sie im Boden festgehalten. Ob sie das an früher erinnerte? An den Tag, an dem ihre Mutter vom Berg verschlungen wurde? Oder an damals, als Domini sie vom Berg in seine Arme werfen ließ? Oder als sie den Berg selbst verschoben hatte und er ihr verboten hatte, das Wort an die Erde zu richten?
Am liebsten wollte sich Domini bei Nova entschuldigen. Aber dann würde er Aufmerksamkeit auf sie lenken. Er würde sie in Gefahr bringen. Er könnte verraten, dass das Kind, das alle hier nur Migra nannten, in Wahrheit seine kleine Schwester Nova war.
Seine kleine Schwester, die ihn wie einen Fremden behandelte.
