Märchenstunde: Die Nachfolgesuche I

Domini war einer von insgesamt vierundzwanzig Geschwistern, die sein Vater mit neun verschiedenen Frauen gezeugt hatte. Das war in ihrer Familie so üblich. Ihre Mütter hatten es stets beteuert. Nur so wären genug Kandidaten vorhanden, um den besten Erben für den Berg zu finden. Es durfte immerhin kein Kranker an die Macht kommen. Kein Dummer. Kein Unfähiger.

Am Ende durfte nur einer von ihnen überleben.

Aus diesem Grund pflegten Domini und seine Geschwister keinen Kontakt miteinander. Von den meisten kannte er nicht einmal die Namen. Nur die Gesichter. Man sah sich tagtäglich: Beim Reden mit dem Berg, im Unterricht, während der Mahlzeiten … Ihr Vater selbst hielt sich eher bedeckt. Der fette Mann hatte nur Augen für die Schatzkammer und seine Begierden. Meist fand man ihn bei einer seiner Frauen oder inmitten seines Reichtums. Es war ein einziges Wunder, dass Domini nicht noch mehr Geschwister hatte – so oft, wie sich der arrogante Kerl seinen Gelüsten hingab …

Die Nachfolgesuche begann am fünfzigsten Jahrestag seines Vaters. So war es Tradition. So war es seit der Erfüllung der drei Wünsche Brauch. Bis zu diesem Tage war es allen verboten, einander zu schaden. Einander zu verfluchen. Einander zu hassen. Sie mussten sich nicht lieben. Sie mussten nur leben.

Bis ihr Herrscher die Kerzen entzündete.

Domini war erst zehn Jahre alt, als er zur Nachfolgesuche eingeladen wurde. Die anderen Kinder seiner Mutter waren vierzehn, zwölf und eins. Mit den älteren hatte nie viel zu tun gehabt. Er kannte ihre Namen, ihre Gesichter und manchmal traf er sie, wenn er seine Mutter besuchte. Aber ansonsten waren es Fremde. Einzig seine kleine Schwester hatte er überhaupt im Arm gehalten. Damals, nachdem sie auf die Welt kam und die Ärzte um das Leben seiner Mutter bangten. Er hatte dieses zerbrechliche Wesen gewogen, bis seine Mutter zu sich kam. Er hatte sie beschützt.

Wie auch nicht? Sie abzulegen, hätte ihr geschadet. Und sie sah seiner Mutter so ähnlich, dass er sich nicht mehr sicher war, wen er festhielt! Dieses Baby … Es war seine Familie …

Seither hatte er gebetet, dass sie keinen Namen bekäme. Solange sie keinen Namen trug, war sie kein Nachfolgekind. Solange ihr Vater sie vergaß, sie ignorierte oder ihr den Namen verwehrte, blieb sie einfach nur ein Kind. Nur wegen dieses Hoffnungsfunkens hatte sich seine Mutter so spät noch durch die Schwangerschaft gekämpft. Nur wegen dieses Hoffnungsfunkens hatte Domini seine Schwester in sein Herz gelassen.

Doch als er sich mit seinen Geschwistern zum Geburtstag seines Vaters einfand, ließ dieser all seine Frauen zu sich bringen.

All seine Frauen und Dominis Schwester.

„Migra? Wie kommt es, dass ich dieses Kind zum ersten Mal sehe?“, fragte der Herrscher des Berges Dominis Mutter grinsend.

„Verzeiht, Herr. Ihre Gesundheit ist nicht beständig, weswegen kein Namenstag angesetzt werden konnte“, sie verneigte sich bis zum Boden.

Dennoch konnte Domini die Furcht in ihren Augen sehen. Es war zu gefährlich für seine jüngste Schwester, ihre restliche Familie zu treffen! So würde sie die Nachfolgesuche niemals überleben. Selbst wenn sie nicht teilnahm! Jeder würde in ihr eine Gefahr sehen. Deswegen hatten sie das Kind fernab ihrer restlichen Familie beschützen wollen. Damit sie leben konnte!

Warum hatte sein Vater nur all seine Frauen herbringen lassen?

„Nun, sie kann sich glücklich schätzen, ihren Namenstag jetzt zu begehen, meinst du nicht? Kind! Ab heute magst du Nova heißen, da du die neuste bist. Heißt Nova-“

„Herr! Bitte!“, platzte es aus seiner Mutter heraus.

Angespannt ballte Domini seine Hände. Sein Vater hasste es, unterbrochen zu werden. Er hasste Widerspruch. Er hasste Aufsässigkeit.

Und jeder von ihnen wusste das.

„Hast du etwas gegen den Namen einzuwenden, WEIB?!“, schrie er so aufgebracht, dass Domini von seinem Platz an der Tafel aufstehen wollte.

Seine Mutter … Nein! Sie hatte das nicht verdient! Sie wollte seine Schwester doch nur beschützen. Erbarmen! Bitte. Sein Vater sollte erbarmen zeigen! Sie war doch die einzige Person in Dominis Leben, die immer für ihn da gewesen war. Die ihm gezeigt hatte, wie herzlich er sich mit seiner kleinen Schwester verstehen konnte! Wenn das Mädchen nun jedoch einen Namen bekam …

Jeder würde sie zuerst töten wollen.

Er würde sie töten müssen …

Nein!

„Herr, Gütiger, ich bitte Euch: Schenkt ihr noch keinen Namen. Sie wird wahrscheinlich eh nie ihren zweiten Geburtstag erleben. Warum ihr Ende also beschleunigen?“, flehte seine Mutter mit Tränen in den Augen.

Beinahe sanftmütig kniete sich der fette Herrscher herab. Er hob das Kinn von Dominis Mutter an. Schaute auf das kleine Mädchen an ihrer Hand. Riss sie dann so abrupt von ihr fort, dass beide aufschrien.

Die Nachfolgekinder lachten. Die Frauen kicherten gehässig. Das Kleinkind schrie. Der Boden bebte – er gehorchte den stillen Worten ihres Vaters.

Im nächsten Moment hatte der Berg Dominis Mutter bereits verschlungen.

Wie erstarrt blickte Domini auf die kahle Stelle am Boden. Er hörte, wie sein Vater davon sprach, dass ihm der erste Geburtstag seines Kindes verwehrt geworden wäre. Dass er daher das Leben seiner neunten Frau gefordert hatte. Dass er keinen weiteren Verrat dulde. Dass er jede Schuld eintreiben würde!

Domini konnte nur nicken. Nichts sagen. Er durfte nichts sagen. Er konnte nur hoffen, dass seine kleine Schwester stumm weiter weinen würde. Nicht laut werden. Keinen Zorn erregen. Auch wenn die anderen Mütter sich so laut über seine lustig machten. Er musste warten, bis die Nachfolgesuche eröffnet wurde.

Bis sein Vater die dicke Kerze in der Halle entzündete.

Sobald die Flamme tanzte, richtete Domini das Wort an den Berg.

„Verschlucke Nova und mich. Hinab. In Sicherheit. Schnell!“

Kurz darauf hielt er seine kleine Schwester im Arm. Er rannte. Ein wimmerndes Kind umklammernd. Die Schreie seiner restlichen Familie ausblendend.

Sie schlachteten sich bereits ab.

„Schon gut. Schon gut, Nova. Ich bin da“, flüsterte er seiner Schwester zu, als er am Fuß des Berges ins Freie trat, „Ich … bin da …“

„Mama! Mama!!“, schrie das Kind immer wieder aus.

„Shhh. Ich weiß. Aber Mama ist weg. Mama ist … Sie kommt nicht wieder“, flüsterte er, „Wir sind allein …“

Erschöpft fiel er auf die Knie und starrte die aufsteigende Sonne an. Es fühlte sich so leer an. So einsam. So-

Hastig wischte er seine Tränen ab und ging weiter. Er musste sich um Nova kümmern.

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