Märchenstunde: Des Seefahrers Kinder I

„Deswegen darfst du nie der Stimme des Meeres folgen!“, warnte sein Vater und schlug gegen ihren illustrierten Stammbaum.

Liber betrachtete die kunstvollen Porträts darauf. Ganz oben befand sich ein vergilbter König, gefolgt von seinen sieben Söhnen und seiner einzigen Tochter. Nur war letztere kaum noch zu erkennen. Über die Jahre hatte man ihr Bildnis so sehr verflucht und beworfen, dass einzig ihre Umrisse zu erkennen waren.

Anders verhielt es sich mit Libers direkten Vorfahren. Seinem Vater. Dessen Mutter. Libers Tanten und Onkeln, Brüdern und Schwestern.

Sein Urgroßvater war Giove gewesen. Der Königssohn, der die Schiffsfahrt und die Meereskunde beherrschte. Er war das einzige Königskind gewesen, das den Ozean gefahrlos überqueren konnte. Alle anderen hatten bei ihren Überfahrten mit Angriffen der Meernixen zu rechnen. Und genau das, hatte ihm und seiner Tochter das Überleben gesichert.

Nachdem drei von Gioves Brüdern von den Nixen in den Tod gezerrt wurden und ein weiterer spurlos verschwand, hatten die restlichen Brüder einen wackeligen Frieden vereinbart. Gioves Tochter, Salacia hatte eine doppelte Ehe mit ihren Cousins geführt, um die Gabe der Seefahrt mit diesen zu teilen. Im Gegenzug hatte man ihr Wort auf der Hauptinsel über das der anderen gestellt. Sie war zwar keine Königin, aber sie war die Mutter der Herrschenden. Sie hatte entschieden, welche Wege ihre Kinder einschlugen. Sie hatte Libers Vater in Gioves Stammbaum verzeichnet.

Und so musste nun auch Liber sein Blut beweisen und morgen, zu seinem sechzehnten Geburtstag, ganz allein ein Boot um die Insel lenken.

„Ich weiß“, murmelte Liber – er strich mit der Hand über seinen Namen, sein Porträt würde man erst übermorgen hinzufügen, „Du hast mir die Geschichte der Meernixen schon so oft erzählt. Sie wird langsam alt.“

„Sag das nicht zu laut“, murrte sein Vater, „Du magst von den Ungeheuern bislang verschont geblieben sein. Aber deine Freunde? Die Fischer, die mit den alten Wappen aufs Meer reisen?“

„Hm.“

Liber ließ die restlichen Erzählungen über sich ergehen. Es gehörte sich nicht, seinem Vater zu widersprechen. Dennoch klangen die Erzählungen jedes Mal verrückter. Wahrscheinlich waren die anderen Leute einfach zu dumm, das Wetter zu beachten. Genau! Das musste es sein!

„Dass der Junge dir nicht einschläft, ist auch ein Wunder“, unterbrach Salacia plötzlich.

Hastig drehten sich beide um. Die Frau stand in der Tür. Ihre knochigen Finger klammerten sich an die alte Krücke. Ihre Augen wirkten etwas wirr. Genauso wie ihre Haare. Dass sie zu Jugendzeiten mal als schön bezeichnet wurde, konnte sich Liber kaum noch vorstellen.

„Mutter, ich bereite nur-“

„Ts!“, sie wedelte ungeduldig mit der Hand, „Der drohende Zeigefinger hilft auf See nicht“, dröhnend hämmerte sie ihre Gehhilfe dreimal auf den Boden, „Lasst mich mit Liber allein!“

Während sich ihr Sohn verbeugte und hinaustrat, eilten die Bediensteten durch die Seitengänge hinfort. Alles wurde stehen und liegen gelassen. Salacias Wort war in diesem Hause Gesetz.

Es war ja von Giove erbaut worden.

Erst als sich die Stille über sie senkte, trat Salacia näher. Ihre Krücke krachte mit jedem Schritt gegen den Boden. Es klang wie ein Donner. Wie ein Gewitter, das die Insel umkreiste.

Als kleiner Junge hatte sich Liber davor gefürchtet. Nun musste er stolz stehen bleiben. Ab dem morgigen Tage wäre er ein Mann. Er musste standhaft bleiben. Ehrenhaft!

„Großmutter, ich werde Euch morgen nicht ent-“

„Hat er dir gesagt, wie sie heißt?“, unterbrach sie ihn.

„Verzeihung?“, Liber schluckte seinen Missmut herunter.

„Wie sie heißt?“, wiederholte sie, „Hat er es dir gesagt?“

Unschlüssig folgte er ihrem Blick zum Stammbaum. Sie blickte nach ganz oben. Zu ihrem toten Vater? Nein. Dafür schaute sie zu weit zur Seite. Zu-

„Nein“, entgegnete Liber langsam, „Alle nennen sie immer nur die Prinzessin des Untergangs. Oder die Königin der Ungeheuer.“

Leise hörte er Salacia lachen. Es war ein eigenartiges Geräusch. Kratzig. Sacht strich sie über seine Schulter. Es fühlte sich an wie ein Windhauch. Wie eine unwirkliche Berührung, die einzig seinem Kopf entsprang.

„Ja. So nennt das Volk sie. So nannte mein Vater sie“, die alte Frau schüttelte betrübt den Kopf, „Dabei war sie die herzlichste Seele unseres Reiches. Ein Jammer, wie alles sein Ende fand …“

Ihre Augen schienen sich zu trüben. Als wäre sie nicht mehr gänzlich bei ihm. Liber wollte sie schon ansprechen, da sackten ihre Schultern zurück. Ihr Blick klärte sich. Sie nickte. Atmete tief durch.

„Mein Kopf wird nicht mehr lange mitmachen. Und dann noch diese albernen Knochen-“, sie grinste schmerzhaft, „Nur … Liber, dein Vater mag ein tüchtiger Seefahrer sein, aber er ist nur ein Schatten des einstigen Gioves. Und du?“

Liber zuckte zusammen. Gewiss war sie nicht begeistert von ihm. Er hatte erst mit zwölf Jahren das Reiten erlernt. Auch von den Gelehrten hatte er selten Komplimente erhalten. Er rede zu unbedacht, prüfe seine Antworten nicht ordentlich, wäre mit der Aufmerksamkeit einer Fliege gewappnet …

Wenn sie ihm nun die Seefahrt ausreden würde, was bliebe ihm noch?

„Bitte. Ich muss morgen aufs Meer hinaus! Wenn ich es nicht schaffe-“

„Aber du wirst“, unterbrach sie ihn gelassen.

Liber stutzte.

„Ich dachte … Also, dass du …“

„Liber, deine Seele ist ebenso frei wie Gioves. Daher kann dich niemand von deinem Vorhaben abbringen. Du wirst morgen diese Insel umsegeln. Und du wirst dabei die Meernixen treffen. Es liegt jedoch an dir, wie sie dich gehen lassen. Es liegt an dir, ob sie fortan deine Boote meiden oder ob du anschließend das Meer meidest. Es ist deine Entscheidung.

Deine und Bellonas.“

Mit einem Lächeln neigte Salacia den Kopf und ging hinaus. Doch diesmal klang ihre polternde Krücke nicht mehr wie ein Donnergrollen.

Sie hatte eher etwas von einem Tick-tack.

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