Timothy – Siehst du mich nicht?

Es war bereits nach Mitternacht als ich Timmy zu Georges Haus lotste. Ich hatte absichtlich so lange gewartet – bis der Kamin aus war und die Familie tief schlief. Erst danach hatte ich Janes Enkel abgeholt.

„Zieh die Tür beim Öffnen an dich heran, damit sie nicht quietscht“, riet ich, als wir uns durch den hinteren Garten geschlichen hatten.

„Sicher, dass nicht abgeschlossen ist?“, hauchte Timmy zurück.

„Ja doch! Ich bin immer wieder durch die Frau durch, wenn sie hierher wollte. Die anderen haben sich nicht um die Hintertür gekümmert“, erklärte ich.

Janes Enkel brummte etwas, ehe er eintrat. Er schlich sich wie ein Geist durch die Räume. So, als würde er mein Schicksal teilen. Ob es an unseren Namen lag? Ob sie uns verdammt hatten?

„Weiter, weiter, weiter – mehr nach links, ja“, lenkte ich seine Schritte. Ich schwebte immer etwas durch den Boden, damit ich kein Hindernis übersehen konnte. Ich musste ja aufpassen, dass Timmy sich nicht versehentlich verriet!

„Stopp!“, hastig eilte ich um ihn herum, als er in die Stube trat, „Geh einen Schritt nach rechts und dann erst weiter geradeaus. Vor dir liegt ein Bein.“

Vorsichtig kam er der Aufforderung nach. Das war immerhin unser größtes Problem: Georges Vater war in der Stube eingeschlafen. Ich hatte Timmy schon vorgewarnt, aber dennoch hatten wir beide das Risiko eingehen wollen.

Für Julie.

Vor dem Kamin hielt Janes Enkel von allein inne. Sehen konnte er ihn nicht. Ob er das Hindernis gespürt hatte? Oder hatte er es berührt, ohne dass ich es bemerkt hatte? Ich musste aufmerksamer sein!

„In der kleinen Schale“, erklärte ich, „Strecke die rechte Hand aus. Höher. Höher. Gut. Etwas weiter nach rechts. Ganz langsam nach vor-“

Hastig brach ich ab, als der schlafende Mann etwas murmelte. Es klang, als würde er mit uns reden. Doch schnarchte er zum Glück wieder weiter.

„In Ordnung … Weiter nach vorne. Ja. Genau! Das ist die Schale. Da drinnen sind zwei Fläschchen, ja? Sie lehnen aneinander. Am besten nimmst du beide zusammen raus, sonst klirrt eine davon noch gegen das Porzellan“, wies ich Timmy an.

Stumm kam er den Anweisungen nach und so eilten wir ungesehen hinaus. Es war ein voller Erfolg gewesen!

Dennoch schlich sich ein nagendes Gefühl in meine Seele.

„Bist du dir sicher, dass es hilft? Was, wenn das Zeug Julies Krankheit nur noch schlimmer macht?“, fragte Janes Enkel, sobald wir wieder daheim waren.

„Du meintest alle anderen sind gestorben. Nur George nicht. Wenn sie eine Chance hat, dann damit, oder?“, fragte ich still.

„Hm.“

Stumm beobachtete ich, wie sich Timmy um Julie kümmerte. Ich konnte eh nicht viel ausrichten. Ab und zu schwebte ich zu dem beraubten Haus rüber und versicherte mich, dass niemand unseren Einbruch mitbekommen hatte. Auch schaute ich mich bei den anderen Leuten um, die in der Straße wohnten. Ich brauchte die Bewegung. Die fremden Eindrücke. Die Abwechslung!

Ansonsten würden mich die Sorgen um Julie auffressen …

Erst als Timmy vor Erschöpfung einschlief, zwang ich mich, bei den Geschwistern zu bleiben. Unschlüssig kauerte ich mich zusammen.

Ob die Medizin die richtige gewesen war? Was, wenn sie alles nur verschlimmerte? Ob Jane wütend auf mich wäre? Oder eher enttäuscht? Aber was hätte ich sonst tun sollen? Einfach danebenstehen und zugucken?

Am nächsten Morgen öffnete Julie das erste Mal seit ihrem Zusammenbruch die Augen. Benommen blinzelte sie.

„Julie?“, fragte ich, als sie gerade dazu ansetzte sich zu strecken.

Sie zuckte zusammen und sofort schoss Timmy hoch, der an sie geschmiegt geschlafen hatte.

„Julie?! Alles gut? Wie fühlst du dich? Brauchst du was? Hast du Durst? Hunger?“, überhäufte er sie mit Fragen.

„Ich-“, ihre Stimme klang kratzig und sogleich besorgte er ihr etwas zu Trinken.

„Mach langsam, ja? Du siehst so blass aus. Du solltest dich noch ausruhen“, murmelte ich.

Ob ich damals auch so ausgesehen hatte? Als ich noch so oft krank gewesen war?

„Hier, bitte“, Timmy drückte ihr einen kleinen Krug in die Hände und sofort nibbelte sie daran.

„Danke. Es dreht sich noch alles“, flüsterte sie.

„Das legt sich bestimmt wieder“, behauptete ich sogleich.

„Möchtest du noch mehr?“, erkundigte sich Timmy.

Langsam schüttelte sie den Kopf. Sie runzelte die Stirn. Schaute sie sich in der Küche um.

Furcht schlich sich durch meine Seele. Ich erahnte ihre Frage, ehe sie die Stimme erhob. Ehe sie sich erneut nur an ihren Bruder wandte. Ehe sie wieder durch mich hindurch sah …

„Wo ist Timothy?“

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