B: Ein offenes Ohr

Immer wieder schaute Liane auf die Uhr. Auf diese Zahlen, die leuchtend von den vergangenen Minuten und Stunden berichteten. Es war schon längst um sechs durch. Und ihr Vater war immer noch nicht zurück. Sollte sie weiterhin auf ihn warten? Oder sollte sie sich schon einmal etwas zu Essen machen? Würde er sich etwas auswärts holen? Sollte sie ihn fragen? Aber was, wenn er noch sauer auf sie war?

Nachdenklich ließ sie sich aufs Sofa fallen und starrte die Decke an.

Sie fühlte sich so kraftlos. Anfangs hatte sie ja noch mit Shiloh geschrieben. Doch dann konnte sie sich nicht mehr auf die Nachrichten konzentrieren. Die Buchstaben verschoben sich in ihrem Kopf und nahmen neue Formen an. Immer wieder war ihr Blick an den Zeichnungen hängen geblieben, während sich ihre Gedanken um Oliver kreisten. Erst unten in der Stube war es besser geworden.

Der Abstand tat gut.

Das plötzliche Türläuten schreckte sie aus ihrer Einsamkeit. Blinzelnd starrte sie zum Flur. Hatte sie sich das Geräusch nur eingebildet? Ja. Das musste es sein. Ihr Vater hatte einen Schlüssel und Shiloh und Oliver wussten von ihrem Stubenarrest. Niemand hatte einen Grund hier zu-

Erneut klingelte es.

Unschlüssig setzte sie sich auf und ging zur Tür. Sie fühlte sich schlaksig. Müde. Aber nicht kraftlos. Als wären nur ihre Gedanken erschöpft und als erhofften sie sich etwas Ablenkung von dem Karussell in ihrem Kopf.

„Du siehst nicht gut aus“, grüßte Shiloh sie daher direkt.

„Was machst du hier?“

„Hausaufgaben“, erwiderte die andere und wank mit ihrer Tasche, „Offiziell. Also, wenn dein Vater nachher fragt. Oder ist er schon wieder da?“, sie reckte den Kopf in den Flur.

Liane schüttelte verdutzt den Kopf.

„Gut. Deine letzten Nachrichten lasen sich immer abgehackter. Ich habe Oli deswegen auf den Zahn gefühlt. Aber er wollte nichts sagen. Wenn er also irgendetwas Dummes gemacht hat …“, ihre Mimik wurde mit jedem Wort finsterer.

„Bitte wa… Nein! Alles gut! Wirklich!“, wild fuchtelte Liane mit den Händen herum, „Er hatte nur … Also … Nicht so wichtig. Egal. War was anderes.“

Shilohs Anwesenheit traf sie so unerwartet, dass sie nicht widersprechen konnte, als sie sich ins Haus schob. Noch immer konnte sie nicht begreifen, was das Mädchen hier tat. Klar, sie waren irgendwie Freunde und trafen sich auch nach der Schule, aber … Shiloh war ihre erste richtige Freundin. Sie kannte sich doch gar nicht mit diesen Themen aus! Sollte sie von ihren Problemen erzählen? Musste sie? Was, wenn man sie wieder hänselte? Würde sie wieder gemobbt werden? Aber …

„Er hat sich nicht aufgedrängelt oder sich an dich rangeworfen?“, forschte das andere Mädchen weiter nach, während es Liane nach oben führte.

Hilflosigkeit stieg allmählich in ihr auf.

„Bitte. Er …“, Liane sammelte all ihren Mut zusammen und stoppte Shiloh, ehe sie in das falsche Zimmer ging. Geschlagen wies sie auf ihre Zimmertür, „Es ist einfach nur kompliziert … Mehr nicht …“

„Hm …“, ihre Freundin warf sich direkt aufs Bett, „Dann versuch‘, es in einfachen Worten zu erklären.“

In einfachen Worten? Wenn das nur ginge! Wie sollte sie etwas erklären, das sie selbst nicht verstand? Nicht zuletzt hatte ein Teil von ihr Angst, was die anderen dann wieder über sie sagen würden. Würde man sie ausgrenzen? Sie als Freak bezeichnen? Erneut mobben …?

„Bitte, Shiloh. Es ist-“, Liane schluckte.

Sie konnte nicht anders. Dieses andere Mädchen, ihre Freundin … warum sah sie so besorgt aus? War sie wirklich nur deswegen gekommen? Warum wirkte ihre Sorge so viel glaubhafter, als die von Lianes Vater? Wieso … wieso konnte sie diesem Mädchen so sehr vertrauen?

„Hast du schon mal einen Gedanken gehabt, der dich über Jahre verfolgt? Der dich einfach nicht loslässt? Wie ein Schatten?“, kämpfte sie leise hervor.

Vollkommendes Unverständnis bildete sich auf dem anderen Gesicht ab.

Vielleicht war das doch keine gute Idee.

„Ach, vergiss es. Ist nicht wei-“

„Nein, nein, nein. Wir vergessen hier nichts“, unterbrach Shiloh hastig, „Also … Ein Gedanke, der dich über … Jahre verfolgt. So etwas, wie ein Wunsch? Oder ein Vorhaben?“

Nachdenklich schüttelte Liane den Kopf: „Ich weiß nicht. Es ist mehr wie ein Bild von … einem Stern. Also, einfach gesagt. Es ist nicht ganz ein Stern. Und dann sind da noch diese anderen Wesen. Sie sehen aus wie …“

Aliens? Experimente? Monster? Nein. Sie waren nicht monströs. Dafür waren sie zu freundlich … zu …

Sehnsüchtig blickte sie zu ihrem Schreibtisch herüber.

Wieso vermisste sie diese Wesen, die sie doch nicht kannte?

Ehe sie die richtigen Worte finden konnte, stand Shiloh auf und schnappte sich die Zettel.

Liane erstarrte. Angst durchflutete sie. Schweiß rann ihren Nacken herab. Ihre Augen fokussierten sich auf das andere Mädchen. Auf die Zeichnungen. Der Rest verschwamm. Dafür verwandelte sich ihr Mund in eine Sahara.

Hatte sie zu lange dorthin gesehen? Wie sollte sie die Bilder erklären? Sollte sie lieber ein Rückzieher machen? Das ganze als altes Kunstprojekt beiseiteschieben? Aber das wäre nicht glaubhaft, oder? Außerdem sträubte sich alles in Liane gegen eine Lüge. Eine Lüge … Wieso fühlte sich das Konzept von Lügen so schlimm an? Beinahe wie ein Mord? Und-

„Du meinst diese hier?“, fragte Shiloh gelassen.

Liane nickte stumm.

Ihre innere Panik ließ nicht mehr zu.

„Und das verfolgt dich seit Jahren?“, erkundigte sie sich weiter.

„Ich … Albern … Aber … Ich … Ich brauche Klarheit“, zwang sie sich zu sagen.

„Warum sollte es dann albern sein?“

Verdutzt blinzelte Liane sie an.

„Na, weil … Es sind ja nur Gedanken. So etwas, wie eine entfernte Erinne… Ja! Wie eine entfernte Erinnerung.“, die Worte fielen ihr wieder leichter, „Aber das … das kann nicht sein, oder? Deswegen ist es so albern …“

„Finde ich nicht“, Shiloh gab ihr die Zettel zurück und endlich ließ die Panik von ihr ab, „Wer versteht schon das Universum? Vielleicht hast du schon Mal gelebt und noch Erinnerungen an diese Zeit? Dann könnte das schon hinhauen. So verzerrt wie die Erinnerungen nach ‘nem Kater sind, ist das hier ein Pups dagegen. Wirklich! Irgendwo macht das hier irgendwie irgendwann schon irgendeinen Sinn.“

So … So positiv war Liane noch nie an die Sache herangegangen. Sie schämte sich beinahe ein wenig dafür. Vor allem, als sie wieder auf den Krötenmann blickte, der sie wieder streng anblickte.

Die Zeichnung warf sie zurück an den Abend, als ihr altes Haus in die Luft geflogen war. Dieser fremde Mann … er hatte sie Lilith genannt. Er hatte sie darum gebeten, zu warten. Und sie …

Wieso hatte er sie zu Tränen gerührt?

„Du machst so viel mehr Sinn, als mein Vater“, gestand Liane leise.

„Eltern hören nur das, was sie hören wollen“, Shiloh seufzte, „Vor allem dein Vater ist ein Helikopter 2.0. Das kann ja keiner mit ansehen. Morgen kommst du deswegen nach der Schule zu mir, klar?“

„Ich habe Stubenarrest“, widersprach Liane unwillkürlich.

„Und ich habe keinen Nerv für deinen Gefängniswärter, der sich eh seit wie vielen Stunden aus dem Staub gemacht hat? Also: heute Mädelsabend, bis sich dein Erzeuger blicken lässt und morgen übernachtest du bei mir, ja?“

Ohne zuzuhören, nickte sie.

Denn plötzlich lag ein seltsamer Druck auf ihrer Brust. Sie spürte, dass eines der Worte einen ungewöhnlichen Beigeschmack hinterließ. Es war ein bitterer. Ein … besorgter …

„So, und nun wird nicht mehr Trübsal geblasen“, riss Shiloh sie jedoch wieder aus ihren Gedanken, „Also. Mädelsabend. Was läuft zwischen dir und Oli?“

Liane schluckte. Kamen heute denn nur unmögliche Fragen auf sie zu?

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