B: Überfürsorglichkeit

„Wie war die Schule?“, fragte ihr Vater beim Abendbrot.

Es war eine tägliche Frage. Eine altbekannte. Und eine, die zu einem Gespräch einlud, für das Liane derzeit keine Nerven hatte …

„Ganz okay“, schulterzuckend schob sie sich einige Nudeln in den Mund.

„Wirklich? Du wirkst irgendwie so … abweisend? Ist etwas passiert?“

Ihr Vater sah sie unschlüssig an. Er wirkte besorgt. Unsicher. Ängstlich? Ja … Ängstlich. Er musste spüren, dass sie ihm etwas aktiv verheimlichte. Aber es ging nicht anders! Diese Zeichnungen …

„Nur in Gedanken“, erklärte sie und immerhin entsprach das ja auch irgendwie der Wahrheit, „Wird schon wieder. Mach dir keinen Kopf.“

Nickend aß er weiter. Jedoch langsamer. Sehr viel langsamer. Wahrscheinlich, um sie zu beobachten. Beobachten …

Genervt schlang sie ihr Abendessen herunter.

„Warum die Eile?“, erkundigte er sich sogleich.

„Hausaufgaben. Ich muss noch einiges für Morgen fertig bekommen“, Liane sprang auf und räumte ihr Geschirr weg, „Entschuldige. Ich habe es fast vergessen. Erzählst du mir nachher von deinem Tag? Ich wollte noch diese Arztserie mit dir weitersehen.“

Mürrisch nickte er und eilig floh Liane aus der Küche.

Ja. Sie hatte noch Hausaufgaben auf. Aber nicht viele. Und die für den nächsten Tag waren nur kleine Schreibaufgaben. Das hätte sie in unter zehn Minuten fertig. Aber ihr Vater …

Je mehr sie über die alten Zeichnungen nachdachte, desto mehr erinnerte sie sich an vergessene Tabletten und Therapiesitzungen. Ihr Vater hatte sie damals mit Chemikalien zu gepumpt. Er hatte sie zu mehreren Psychologen geschliffen. Er hatte nächtlich mit einem Baseballschläger vor ihrem Zimmer gewacht!

Und er hatte sie vor einem halben Jahr wieder mit irgendwelchen Tabletten versorgt. Das war stets seine Antwort gewesen: Tabletten. Therapiesitzungen. Überwachung.

Dabei wollte sie das nicht!

Wenn sie ihm nun also erzählen würde, dass sie ihre alten Zeichnungen gefunden und keine Angst mehr vor dem dreizehneckigen Stern hatte … Wenn sie diesen dürren Teufel als Pico bezeichnen und ihn als gut darstellen würde … Wenn sie wieder von der Welt mit den zwei Sonnen sprechen würde …

Liane wusste, welchen Weg sie damit einschlagen würde!

Seufzend setzte sie sich an ihren Tisch und zog zwei der krakeligen Zeichnungen hervor. Eine vom Stern und eine von Pico. Sie hatte die besten ausgewählt und eilig kopiert, damit die Rückseiten nicht vermisst werden konnten. Sie musste es tun. Sie brauchte sie. Denn …

Sie fühlten sich so vertraut an.

Nachdenklich fuhr sie mit den Fingern die Linien nach. Sie hatte damals nicht sehr gut zeichnen können. Dennoch waren die Bilder erkennbar. Und je länger sie die Striche anstarrte, desto mehr Lücken füllte ihr Kopf aus:

Die Arme müssten noch etwas länger sein. Die Klauen an den Füßen auch. Das Gesicht etwas runder. Die Flügel … sie müssten größer sein. Aber das hatte nicht mehr aufs Blatt gepasst. Genauso wie die Hörner. Und am Hinterkopf hatte Pico eine kleine Narbe. Ja.

Blinzelnd stand sie auf und stieß dabei mit dem Oberschenkel gegen den Tisch.

Der Schmerz riss sie aus ihrer Trance und erschrocken sah sie, dass ihr Stiftbecher runtergefallen war.

„Liane? Alles in Ordnung?“

„Ehm. Ja! Hab mich nur gestoßen!“, sie rieb ihr wundes Bein und stopfte beide Blätter eilig in die obere Schublade des Tisches. Erst dann begann sie, die Buntstifte einzusammeln.

„Was machst du nur?“, hastig eilte ihr Vater ins Zimmer, „Soll ich es mir mal ansehen? Brauchst du etwas? Willst du es kühlen?“

„Ich habe nur nicht aufgepasst. Nicht der Rede wert“, lächelnd wank Liane ab.

Dennoch kam er näher.

„Du siehst nicht gut aus. Möchtest du morgen Zuhause bleiben? Ich kann mir einen Tag Urlaub nehmen. Dann könnten wir uns beide erholen. Was meinst du?“

Sie steckte die letzten Stifte zurück in den Becher. Wieder musste sie an die Tabletten denken. An die Therapiesitzungen. An Pico.

Pico …

Nein!

Ihr Vater mochte es gut meinen, aber er verstand es nicht. Er verstand sie nicht! Und wenn er ihre Erklärungsversuche als Kind abgewürgt hatte, warum sollte sich das nun geändert haben? Warum sollte er ihr nun zuhören?!

Sie wollte den Teufelskreis durchbrechen.

„Nicht doch. Vielleicht ist es nur der Schulwechsel und das neue Haus und generell die ganzen Umstellungen. Ich muss mich erstmal richtig orientieren. Shiloh hatte das letztens auch vermutet. Das wird also schon. Außerdem bin ich ein Teenager. Da brauch‘ ich auch etwas mehr Zeit für mich. Das ist da ganz natürlich. Ja?“

Erleichterung machte sich auf seinem Gesicht breit. Dann folgte wieder Unsicherheit. Stotternde Unsicherheit.

„Also … Ehm …“, seine Stimme hüpfte durch die Tonlagen, „Wenn du jemanden magst und du … ehm … also … wenn du-“

Liane blinzelte überrascht. Versuchte ihr Vater gerade, ein offenes Ohr für Beziehungsfragen anzubieten? Ihm war doch das Thema sonst immer zuwider!

„Wenn ich jemanden mag, regle ich das schon selber, ja? Bitte. Bitte, lass mich das allein machen, ja?“, flehte Liane ihn an.

„Ja. Super. Danke“, er drehte sich mit zu viel Schwung um und stolperte fast ins Bücherregal, „Oha. Ja. Ich sehe, wie du dich gestoßen hast. Ehm … Wenn es um einen Jungen … oder um ein Mädchen geht, ich bin für beides offen. Du machst das schon. Du bist ein großes Mädchen!“

Mit einem Daumenhoch verschwand er aus ihrem Zimmer.

Seufzend legte sie ihren Kopf auf dem Tisch ab.

Na super. Nun dachte ihr Vater, dass sie kurz vor einer Beziehung stünde. Dabei waren ihre Gedanken nur bei den alten Zeichnungen!

Bei den alten Zeichnungen, die nicht sehr akkurat aussahen …

Nachdenklich griff Liane nach einem Bleistift und wippte ihn zwischen den Fingern auf und ab. Sie schloss die Augen und stellte sich Pico und den Stern nochmal vor. Sie beschwor jedes Detail vor ihr geistiges Auge. Jede Kurve, jede Kante.

Ihre früheren Zeichenkünste waren eine Katastrophe!

Ob sie es mittlerweile richtig darstellen könnte?

Langsam öffnete sie wieder die Augen und blätterte durch den Tischkalender. Diese Woche war sie total verplant. Nächste auch. Entweder hatte sie zu lange Unterricht oder sie war mit Shiloh oder Oliver verabredet. An ihrer alten Schule hatte sie keine Freundschaften gepflegt, deswegen hatte sie bislang kein Treffen ausgelassen. Nun erschienen es ihr fast ein wenig zu viel. Irgendwo musste sie doch mal etwas Ruhe haben, ohne dass ihr Vater oder ihre Mitschüler-

Nächsten Mittwoch!

Ja. Das konnte funktionieren. Nächsten Mittwoch fielen die ersten beiden Stunden aus. Wenn sie es clever anstellte, könnte sie da die Zeichnungen von Grund auf neu anfertigen. Ja. Das fühlte sich richtig an! Sie musste die Bilder richtig aufs Papier bekommen! Nur dann könnte sich dieser Druck von ihrer Brust lösen!

Nächsten Mittwoch …

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