Timothy – Das Leben nach dem Tod

1828 war ein verregnetes Jahr. Stets trommelte das Wasser gegen unser Dach. Es war ein unentwegtes Poltern. Rissel, rissel, poch, poch, poch!

Ich mochte es nicht.

Damals saß ich viel in meinem Zimmer. Ich sollte lernen. Ich sollte einmal Ruhm für unsere Familie ernten. Ich sollte erfolgreich werden und alle Konkurrenten in den Schatten stellen.

Ich sollte so vieles tun …

Aber nichts davon wollte ich tun.

Seitdem ich denken konnte, war mein Leben durchgeplant. Jeder Schritt, jedes Wort, jedes Husten wurden dokumentiert. Ich wurde daheim unterrichtet. Fünf Sprachen musste ich lernen. Das war der Standard unserer Familie: Förderung von klein auf. Meine ältere Schwester erfüllte die Erwartungen unseres hohen Vaters perfekt. Und ich sollte ihr in nichts nachstehen!

Sollte …

Denn leider kam ich kränklich zur Welt. Ich nahm jede Erkältung mit. Jeden Schnupfen. Jeden Husten. Ich konnte kaum still sitzen – wollte immer nur raus. Ich wollte spielen. Ich wollte frei sein!

Doch ich durfte nie.

Sieben Jahre lebte ich ein Leben nach den strengen Erwartungen unserer Familie – meine Schwester Evangeline ganze elf. Wir verbrachten unsere Tage damals in unseren Zimmern. Eingesperrt. Dort wurden wir zum Lernen gezwungen, während unsere hohe Mutter auf dem Friedhof ruhte und unser hoher Vater in der Hauptstadt arbeitete. Unsere Lehrer und der Butler waren für unser Wohlergehen zuständig. Sie sollten auf uns aufpassen.

Sollten.

Wer weiß? Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn unser hoher Vater die Angestellten besser bezahlt hätte. Vielleicht hätte es auch schon ausgereicht, wenn er öfter nach Hause gekommen wäre oder sich gar weniger Feinde gemacht hätte. Vielleicht wäre es das beste gewesen, wenn wir von Mutters Familie aufgenommen worden wären.

Hätte. Wäre. Könnte … Was weiß ich. Es bringt ja auch nichts! Was passiert ist, ist passiert. Eine zerbrochene Vase kann nicht mehr geklebt werden.

Es war ein verregneter Samstag, als ich krank das Bett hüten musste.

Es war ein verregneter Samstag, als ich Evangeline draußen schreien hörte.

Es war ein verregneter Samstag, als sie nach ihrem Bruder, als sie nach mir rief.

Die Panik in ihrer Stimme hatte mich auffahren lassen. Mein ganzer Körper hatte gebebt. Vielleicht aus Angst. Vielleicht vom Fieber. Ich weiß es nicht mehr. Ich konnte seither nicht mehr zittern.

Am 25. Oktober 1828 durchfuhr mich das Entsetzen. Meine Zimmertür stürzte auf. Evangeline stand darin. Sie rief meinen Namen. Ihre Haare brannten. Ihr Kleid brannte. Ihr Gesicht wurde von dem zornigen Element verschluckt! Ich erinnere mich noch genau an die Panik in ihrem rechten Auge. Das Gefühl hat mich geradezu angesprungen. Es schlug seine Krallen aus. Grub sich in meine Seele!

Und die ganze Zeit roch es dabei so süßlich und bitter zugleich. Es war ein so widerlicher Gestank!

Noch ehe ich etwas sagen konnte, stürzte die Decke auf uns herab.

Am vierten Samstag im Oktober 1828 … starben wir.

Ich war sieben.

Evangeline war elf.

Wir wurden von unserem Haus begraben. Die Feuerbestattung zog sich zwei Tage hin. Ich glaubte schon, mich im Fegefeuer zu befinden …

„Nein. Bitte. Lass mich nicht sterben! Ich will noch so viel machen. So viel sehen. Ich … Ich will nicht … Ich kann noch nicht … Bitte!“, flehte ich. Ich bettelte und betete. Schrie und flüsterte. Hoffte und wünschte.

Bis ich keine Kraft mehr hatte.

Ich weiß nicht, warum die Nachbarn und Bediensteten die Flammen immer wieder nährten. Stets warfen sie neues Brennholz hinein und lachten dabei höhnisch auf. Hass und Abscheu spiegelte sich in ihren Gesichtern wider. Als hätten sie sich nichts Besseres wünschen können, als zwei kleine Kinder umzubringen. Kinder, von denen eines über den Ruinen seines alten Zimmers schwebte.

Ja … ich … schwebte.

Als ich mir dessen gewahr wurde, starrte ich auf meine transparenten Hände. Sie waren mit Rußflecken übersät und blass und …

Kalt.

„Bin ich … tot?“

Ich war sieben Jahre alt, als ich starb. Doch kam ich danach weder in den Himmel, noch in die Hölle. Auch wurde ich nicht wiedergeboren.

Stattdessen verwandelte ich mich in einen Geist.

Ich heiße Timothy Bragolin und dies ist die Geschichte meines Lebens nach dem Tod.

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