K: Aus dem Sturm

„Ernsthaft, Flo?“, murmelte Paul ungehört, als er die Actionfigur seines Stiefbruders auflas.

Sie war nicht der einzige Gegenstand, den der Jüngere im Rasen liegen gelassen hatte. Daneben lagen ein verrostetes Fahrrad, eine offene Tüte Gummitiere und ein Fußball. Und noch ein Stück weiter konnte Paul eine Decke mit einem Buch erkennen. Moment. War das Flos verschollenes Englischbuch?!

„Ich werd‘ nicht mehr …“, kopfschüttelnd schaute er in den verhangenen Himmel. Würde sein kleiner Stiefbruder je allein in der Welt zurecht kommen?

Ein Regentropfen landete auf seiner Wange.

„Hilft doch alles nichts“, seufzend sammelte er das Schulbuch und die Fressalien auf. Am liebsten hätte er die Figur wieder auf den Boden geworfen. Um Flo eine Lektion zu erteilen. Als er jedoch das abgewetzte Gesicht erkannte, hielt er inne.

Die Figur bedeutete seinem kleinen Stiefbruder die Welt.

„Ich bin viel zu nachgiebig“, belehrte er sich leise auf dem Weg zum Haus, „Super. Paul, die Magd. Was gibt es besseres?“

Gefrustet warf er die Sachen in die Garderobe und schaute noch einmal über die Wiese. Ball und Fahrrad würden einen kleinen Sturm überstehen. Allerdings sollte er vielleicht noch die Decke reinholen. Sonst würden Sabine und Anja sicherlich mit ihm schimpfen …

Also schob sich Paul wieder hinaus. Mittlerweile nieselte es schon stärker. Nicht mehr lange und-

Er hatte die Unterlage fast erreicht, als ein eisiger Wind ihn umschlang. Er fuhr geradewegs durch seine Kleidung und hinterließ eine pickelige Gänsehaut. Seine Gedanken verschwanden. Paul fühlte sich leer gefegt. Orientierungslos. Blätter flogen umher. Sie rauschten von den Bäumen herab, während die Stämme sich knarrend verbogen. Zweige brachen. Der Wald neben dem Waisenhaus schien zu schreien und zu tob-

Blinzelnd starrte Paul auf das Mädchen am Waldrand. Sie wirkte trotz des Sturms gefasst. Als kannte sie das Schauspiel schon zur Genüge. Ihre Haare peitschten im Wind umher. Ihre Augen waren glasig. Ihre Kleidung dreckig. Zerrissen und mit Erdflecken übersät. Sie selbst wirkte unsicher. Beinahe ängstlich.

Schützend riss Paul seine Hand hoch, um seine Sicht nicht vom Wolkenbruch trüben zu lassen.

„Hey! Alles gut?“, brüllte er dem Mädchen zu und winkte sie zu sich.

Stumm verharrte sie unter den Bäumen. Wie in Zeitlupe blickte sie nach oben. Hinauf zu den tanzenden Blättern. Dann nochmal zu Paul. Er spürte, wie sie etwas abwog. Wie sie sich entschied. Erkannte, wie sie ihren linken Fuß zurück in Richtung Wald scho-

„Wo willst du hin? Da draußen holst du dir den Tod!“

Sie zuckte zusammen.

Nun erst bemerkte Paul, wie blass das Mädchen war. Blass und dürre. Hatte sie im Wald gelebt? Für wie lange? Antwortete sie ihm deswegen nicht? Oder verstand sie ihn nur nicht? Sollte er hingehen und-

Ein Blitz zuckte über den Wald und sofort schossen noch mehr Sturzbäche aus dem Himmel. Es fühlte sich an, als schlugen gewaltige Hagelkörner auf ihn ein.

Doch Paul wollte seinen Blick nicht abwenden. Er fürchtete, dass das Mädchen verschwinden würde, wenn er seine Aufmerksamkeit abwandte.

Er fürchtete, dass sie das Unwetter nicht überleben würde …

Er wollte nie wieder jemanden sterben sehen!

„Bitte! Komm rein und wärm dich auf!“, schrie er ihr durch den Sturm entgegen, „Wir tun dir nichts! Ich-“

Er dachte daran zurück, wie er einst selber die Straße entlanggeeilt war. Wie er nur noch geflohen war. Wie Sabine ihn gefunden und zu sich genommen hatte …

Was hatte sie nochmal gesagt? Was hatte ihn dazu bewegt, sich der Betreuerin des Waisenhauses anzuvertrauen?

Der Donner grollte über ihre Köpfe hinweg.

Paul spürte, wie seine Knie zitterten. Dennoch rührte er sich nicht vom Fleck. Er musste das Mädchen weiter beobachten. Er durfte sie sich nicht sich selbst überlassen. Er durfte nicht-

Er blickte wieder in ihre Augen. Augen, die ihm nicht fremd waren. Er kannte sie. Von seinen Stiefgeschwistern. Von seinem Spiegelbild. Deswegen durfte er sie nicht aufgeben!

„Niemand hat es verdient, allein zu sein! Bitte. Komm her und ich verspreche, dass ich auf dich aufpassen werde! Dir passiert hier nichts!“

Der Argwohn verschwand aus ihrer Mine. Vorsichtig trat sie näher. Sie wirkte wachsam. Als vermutete sie eine Falle. Oder einen Trick? Traute sie ihm einen Angriff zu?

Zwei Armlängen entfernt blieb sie stehen. Ihre Lumpen waren vollkommen durchnässt. Nur, schien sie sich nicht daran zu stören.

„Versprich nichts, was du nicht halten kannst.“

Paul brauchte einen Moment, um ihre Antwort zu realisieren. Ihre Stimme klang so entschlossen und geschwächt zugleich. Als wäre sie bereits unzählige Male enttäuscht worden. Als wage sie es nicht mehr zu hoffen?

„Ich werde es aber halten. Du … du hast niemanden mehr, oder?“

Sie schwieg.

Paul kratzte sich unbeholfen am Nacken.

„Wir sind ein Waisenhaus. Wenn du zu uns kommst, wird niemand Fragen stellen. Du kannst meine kleine Stiefschwester werden. Ich werde auf dich aufpassen.

Das verspreche ich dir“, er hielt ihr die Hand hin.

Doch seine Augen waren immer noch mit ihren verankert. Weinte sie? Oder war das nur Regenwasser? Wieso erschien ihm ihr Blick so verloren? Als-

Ein donnernder Blitz ließ Paul zusammenfahren. Er war so laut gewesen! Seine Eingeweide pochten noch immer von dem rötlichen Licht.

Rötlich …?

Ehe er sich einen Reim daraus machen konnte, bemerkte er das Mädchen an seiner Hand. Sie musste sich erschrocken an ihn geklammert haben. Unruhig grasten ihre Augen nun den Waldrand ab. Unruhig und … panisch?

Paul strich ihr beruhigend über den Rücken.

„Alles gut, du bist in Sicherheit“, erklärte er und führte sie ins Haus.

Sie lief stockend. Stockend und gefasst. Doch mit jedem Schritt wurden ihre Bewegungen fließender und schon kaum Paul der Sturm gar nicht mehr so teuflisch vor, wie gerade noch angenommen. Hagelte es wirklich? Oder hatte schon wieder ein sanfter Nieselregen eingesetzt?

Sobald er die Haustür schloss, war Sabine da. Stumm zog die Betreuerin eine Augenbraue hoch und eilig schob sich das fremde Mädchen hinter Paul.

„Ehm … Ich habe eine neue Zimmernachbarin?“, fragte er grinsend.

Zu seiner Überraschung nickte seine Ziehmutter nur.

„Schön, dass du dich rein getraut hast. Du hast uns schon lange genug beobachtet. Wie dürfen wir dich denn nennen?“

Beobachtet? Lange genug? Verdattert starrte Paul zu Sabine. Sie hatte von dem Mädchen gewusst und sie nicht angesprochen?

Oder hatte sie es getan und das Mädchen war lieber weggerannt? Selbst jetzt wirkte sie noch so unsicher. So … ängstlich.

So still.

„Alles ist gut“, sprach er sachte auf sie ein, „Aber wir bräuchten wirklich einen Namen. Muss auch nicht dein richtiger sein, wenn dir das lieber ist. Einfach ein Name, mit dem wir dich ansprechen können, weißt du?“

Das Mädchen starrte zu Boden. Auf ihre nackten Füße. Wie lange war sie so rumgelaufen?? Sie sah ja schon fast wild aus!

„Maggie …“

Das Wort erklang so leise, dass Paul seinen Ohren kaum trauen wollte. Erst als Sabine sie so ansprach und sich trockene Sachen von Anja holen ließ, schloss er den Namen seiner neuen Stiefschwester ins Herz.

„Wir passen hier auf dich auf, Maggie“, flüsterte er ihr zu, „Keine Angst. Wir sind alle für dich da. Willkommen in der Chaotenfamilie, ne?“

Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, ein Lächeln zu erblicken. Dann erstarrte ihr Gesicht wieder.

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