B: Konsequenzen

Chem Wak begutachtete das Haus unruhig. Es würde nie seinen Geschmack treffen, doch das musste es ja auch nicht. Es war nicht seines …

Ein Fenster im ersten Stock wurde geöffnet. Er konnte Umrisse dahinter ausmachen. Ein Mädchen. Allein.

Sachte klopfte er gegen den Beifahrersitz und sofort setzte sich das Auto in Bewegung.

Es war noch nicht soweit.

Je länger er sich geduldete, desto mehr würde es sich lohnen. Daran musste er denken. Er durfte nicht zu früh reagieren. Er musste sich zurücknehmen. Warten. Genauso wie früher. Warten. Warten. Warten …

Deswegen hatte sie ja um Chem Waks Hilfe gebeten.

„Alles in Ordnung, Mr. Belial?“, fragte sein Fahrer.

Obwohl er immer noch höflich und distanziert klang, so schwang nun eine verspielte Note in den Worten mit. Eine unerwartete Konsequenz ihrer aufgetauten Beziehung. Die Frage selbst war der größte Beweis dafür. Früher hätte sich dieser Mr. Brume nie für den Gemütszustand seines Chefs interessiert.

„Wir werden sehen“, entgegnete Chem Wak nichtssagend.

„Machen Sie sich Sorgen um Liane? Oliver hat gemeint, dass sie sich gut einfügen würde. Sie wäre manchmal etwas still, aber sie hätte stets ein Lächeln parat“, der Fahrer lachte, „So hat er bislang niemanden beschrieben, wissen Sie? Wenn ich es nicht besser wissen würde … Also …“

Unruhige Augen huschten zum Rückspiegel.

Chem Wak musste sich bemühen, seine Emotionen fortzudrängen. Immerhin kam das Thema nicht zum ersten Mal auf. Er wusste, worauf Mr. Brume anspielte. Was dieser von ihm wissen wollte. Dass er erst eine Zustimmung erwirken wollte. Eine Zustimmung, die dieser wahrscheinlich eh nur erhalten wollte, um seinen Job zu sichern …

Aber die Konsequenzen …

Die Konsequenzen …

„Und Sie wünschen, dass ich meinen Segen für die Zukunft der Kinder gebe? Kinder, die immer noch zur Schule gehen? Wie kann ich jetzt schon eine mögliche Beziehung unterstützen?“, er bemühte sich die Worte harsch klingen zu lassen. In seinem Kopf verankerte er seine Meinung zu dem Thema. Tiefste Ablehnung. Er ließ sie in seine Knochen sinken. Blendete die Antwort seines Fahrers aus und-

Bilder füllten seinen Kopf. Sie überlappten sich. Wild tanzten sie umeinander. Chem Wak sah eine Beerdigung. Er fühlte Trauer. Jemand schrie. Plötzlich presste er einen zittrigen Körper an sich. Worte schwirrten um ihn herum. Zu schnell, als dass er sie ausmachen konnte.

Seine Welt schwankte. Alles verschwamm. Zuerst verschwanden die Farben. Dann verschoben sich die Konturen. Der Nebel der Ungewissheit schlich sich an ihn heran. Er wusste, dass er zu weit in die Ferne blickte. Aber er konnte nicht stoppen. Noch nicht. Er brauchte erst eine Antwort. Er brauchte einen Hinweis! Irgendetwas, das ihm-

„Ich wün…“

Erschrocken zuckte er zusammen.

Das war nicht Lianes Stimme. Sie war zu melancholisch. Zu … beschämt?

Hastig suchte er den entsprechenden Moment. Er suchte Lilith. Er suchte-

„Ich wünschte, wir hätten niemals gehen müssen. Ich wollte nicht …“, ihre leise Stimme brach und obwohl er durch den Nebel nichts sehen konnte, wusste er, wie Lilith aussah – wie tot ihre Augen erscheinen mussten, „Entschuldige. Ich sollte dir nicht noch mehr zur Last fallen, Chemy.“

Hastig kappte er die Verbindung und saß wieder im Auto. Sie fuhren gerade auf eine Hauptstraße. Der Verkehr war ruhig. Dennoch presste Mr. Brume die Lippen aufeinander und tippte mürrisch auf dem Lenkrad rum.

Chem Wak atmete tief durch.

Wenn er so weitermachte, wäre er früher oder später wieder mit Lilith vereint. Sie könnten überlegen, wie sie zurückkämen. Es ginge wieder nach Hause. Zurück-

Zurück …

Unentschlossen starrte er auf seine Wurstfinger. Fünf Stück an jeder Hand. Sie waren so klobig. So ungelenk. So falsch … Wie … wie Fremdkörper.

Wollte er nur deswegen hier weg? Was war sein Ziel? Er war mitgekommen, um auf Lilith aufzupassen. Aber was hatte er bislang erreicht? Und sollte er dann nicht auch ihre Seele beschützen?

Nun, auf lange Sicht wäre es wirklich besser, wenn sie keine Bindungen hier einginge. Aber hätte sie sonst je wieder eine Chance auf ein normales Leben? Welches Recht hatte er, ihr dieses zu verweigern?

Neugierig änderte er seine Meinung. Er wollte wissen: Was wäre, wenn er Mr. Brume eine Zusage erteilte? Was würde aus Lilith werden? Was aus diesem Oliver? Was-

Diesmal kamen die Bilder sanfter. Die Beerdigung blieb aus. Stattdessen hörte er einen Krankenwagen. Ein Mann schimpfte. Chem Wak kaufte sich ein Fernglas. Die Worte verschwammen wieder. Der Nebel zog auf. Langsamer. Dafür aber dichter. Schatten liefen dahinter lang. Dumpfe Worte. Viele dumpfe Worte, die-

Etwas fiel zu Boden.

Chem Wak drängte den Nebel fort, um den Gegenstand zu erblicken. Es war sein Notizbuch. Ein Foto klebte in der ersten Seite. Nein. Kein Foto. Eine Einladungskarte für Mr. Brume, die dieser ihm gegeben hatte. Ein Abbild einer glücklichen Lilith … Nein. Dafür wirkten ihre Augen zu verträumt. Zu-

Ein scharfes Bremsen zerrte ihn in die Gegenwart zurück. Dumpf realisierte er, dass sein Fahrer um Verzeihung bat. Dennoch kamen die Worte kaum bei ihm an. Sein Kopf schmerzte zu sehr. Und seine Gedanken … Sie wussten nicht mehr, wohin.

Unschlüssig schüttelte Chem Wak den Kopf.

„Es tut mir leid, dass ich so offen gefragt hatte“, bemerkte da Mr. Brume plötzlich, „Ich werde Oliver ausrichten, dass er Liane außerhalb der Schule in Ruhe lassen soll, in Ordnung? Die Kinder sollten eh erstmal ihren Abschluss machen. Beziehungen sind da überflüssig.“

Überflüssig …

Chem Wak runzelte die Stirn.

„Es ist nicht überflüssig, wenn es sie glücklich macht …“, erklärte er leise.

Erschöpft sank er in sich zusammen.

„Sind Sie sich sicher, Mr. Belial?“

Sicher … Ha! Wie sollte er sich sicher sein? Wenn er die Regeln befolgte, würde es irgendwann ihre Seele zerstören. Wenn er die Regeln brach … bliebe er dann auf der Wahrheit sitzen? Oder warum sonst hatte er die Einladungskarte aus zweiter Hand erhalten?

Dabei kennt sie die Wahrheit doch, meldete sich eine Stimme in ihm.

Nachdenklich wog er den Kopf hin und her. Die Konsequenzen waren allesamt ein riesiges Kartonhaus. Und er musste die beste Alternative mit den wenigsten Opfern suchen.

Eine Lösung ohne destruktives Potential …

Aber bis dahin …

„Gerade sind sie eh nur Kinder. Wenn sie beide eine Beziehung führen möchten, sollen sie es ruhig machen. Sie sollen sich noch nicht mit den Problemen der Welt befassen müssen …“

Noch nicht.

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