K: Die stille Stiefschwester

Tapp. Tapp.

Hastig zerrte Chris die Zwillinge von der Treppe weg. Verdammt! Zu früh, zu früh! Sie durften noch nicht entdeckt werden. Erst recht nicht neben dem Ort des Geschehens! Melanie und Florian würden ihnen sofort an die Kehle springen. Deren Zimmerkameraden hingegen … Na ja. Vielleicht gäbe es ein kurzes Zögern, aber anschließend würden sie die GAKs ausliefern. Ihre einzige Alternative wäre …

Ohne weiter darüber nachzudenken, schob er seine jüngeren Freunde in das dritte Zimmer auf der Etage. Wer auch immer gerade käme, hier drinnen würde er sie nicht vermuten.

Und das wäre wohl auch das Wichtigste, nachdem sie all die Sammelfiguren nebenan mit den Puppenkleidern des anderen nebenans geschmückt hatten.

„Sag bitte nichts, ja?“, lauschte er Isabels stillen Worten und blickte überrascht zu Maggie, die auf ihrem Bett saß.

War ihre Stiefschwester nicht am Morgen los, um sich mit ihrer Freundin zu treffen? Mist! Was machte sie hier? Musste heute denn alles schief gehen?!

Und dann noch der abwesende Blick, mit dem sie die GAKs betrachtete … Seit jeher löste das Mädchen Unbehagen in ihm aus. Sie war wie ein Schatten. Wie ein stiller Schatten, der nur sprach, wenn es sein musste. Und wenn …

Unschlüssig verkrampften sich seine Zehen.

Wenn sie etwas sagte, dann wirkte es so unumstößlich. Wie ein Gesetz, das nicht gebrochen werden würde.

„Ist gut.“

Erleichtert atmete er auf und schaute zu seinen Freunden herüber. Diese schienen seine Sorgen nicht zu teilen. Ganz im Gegenteil! Robby plumpste sogar neben Maggie aufs Bett und versuchte, auf die Zettel in ihrem Schoß zu blicken.

„Was machst du denn da?“, fragte der Jüngere neugierig, doch drehte sie die Papiere sofort um.

„Mathe.“

„Mathe?“, erkundigte sich Robby ungläubig.

„Mathe.“

Das Wort klang so stur im Zimmer wider, dass Chris erschauderte. Ihm war augenblicklich klar, dass es sich nicht nur auf Mathe bezog. Nein. Sonst hätte sie die Blätter nicht so verdeckt. Aber da seine Stiefschwester nicht log …

Seufzend legte Maggie die Zettel verkehrt herum auf den Schreibtisch. Die Bewegung wirkte final. Wie eine Mauer, die sich unsichtbar durch das Zimmer zog und zwei Welten voneinander trennte.

„Viel wichtiger, was habt ihr drüben angestellt?“, fragte das Mädchen lächelnd und schon wirkten ihre Worte wieder wie Schall und Rauch. Unbeständig. Unwichtig. Als wäre sie nur ein Schatten.

Und die Mauer pure Einbildung.

„Umdekoriert“, gab er knapp zurück.

Wenn sie nichts weiter Preis geben würde, würde er es auch nicht tun!

Verständnisvoll lächelte sie ihn an. Sie schien amüsiert. Beinahe erwartend.

„Und dieses Umdekorieren wird auch gewiss positiv aufgenommen werden?“

„Wenn man offen an die Darstellung herangeht … dann ja!“, kicherte Robby in seine Hände und sogleich machte Isabel mit.

„Psst!“, warnend legte Chris den Zeigefinger an die Lippen. Er presste sein Ohr gegen die Tür. Schon wieder hatte er etwas gehört. Da war er sich sicher. Aber nun? Wieso war es wieder so still? Müsste nicht irgendwer meckern? Oder zumindest etwas sagen?

„Bist du dir sicher, dass du etwas gehört hast?“, flüsterte Isabel ihm zu.

„Ja. Da waren Schritte. Das weiß ich“, antwortete er leise.

„Ich mein ja nur …“

Plötzlich tippte Maggie gegen seine Schulter. Ihre braunen Augen wirkten so viel wacher als sonst. Wacher und entschlossener. Sie nickte mit dem Kopf zur Seite. Hinter die Tür.

Gehorsam machte er Platz.

Still beobachtete er, wie sie den Kopf in den Flur steckte. Er konnte durch den Schlitz zwischen den Türangeln hindurch blicken. Da war etwas. Nein. Jemand. Er konnte nur den Ärmel erblicken. Oder war es überhaupt ein Ärmel? Es war ein so dunkler Stoff. Ganz unüblich und-

Dann war er weg und Maggie öffnete die Tür komplett.

„Du musst dich geirrt haben. Hier ist keiner.“

Die Worte verdatterten Chris mehr, als er zugeben wollte. Unschlüssig starrte er auf den leeren Flur.

„Ich habe jemanden gehört. Ich habe-“, hastig schloss er den Mund.

Was sollte er sagen? Dass er ein Stück Stoff gesehen hatte? Sie würden ihn doch alle für verrückt halten. Nein! Darauf konnte er verzichten!

„Das Haus ist schon älter, vielleicht hat das Holz geknarrt?“, überlegte Isabel laut, „Das kann sich dann auch mal wie Schritte anhören, oder?“

Ein Blick auf ihre unsichere Mine verriet ihm, dass sie ihm nicht glauben würde. Sie hatte nichts gesehen. Sie hatte nichts gehört. Und so schnell hätte niemand lautlos verschwinden können!

„Egal. Wenn niemand da ist, können wir auch das Weite suchen, oder?“, mischte sich Robby hastig ein, „Bis später.“

Eilig drängelte er sich an ihnen vorbei. Eiliger als sonst, wurde Chris sofort bewusst. Er nickte Maggie kurz zu und folgte dem jüngeren Zwilling.

Wenn dieser so schnell unterwegs war, hatte er irgendetwas getan. Irgendetwas, das er nicht hätte tun dürfen … oder?

Erst als sie die Straße zum Dorf hinunter rannten, bremste Chris die Zwillinge aus. Keuchend blieb er stehen und plumpste auf die Fahrbahn. Er starrte die Straße zurück, doch wurde das Waisenhaus vom Wald verschluckt. Man konnte es von hier nicht einmal erahnen.

Und man konnte sie auch nicht erahnen.

„Sag schon. Was ist los?“, fragte er Robby, sobald er wieder etwas Luft in die Lunge bekam.

„Ich …“, der Jüngere wirkte unsicher, „Mag hat doch gemeint, dass sie sich erst seit 2003 an alles erinnern kann … Aber … Auf den Zetteln stand der 18. Mai 2002. Mit ganz vielen Pfeilen und Zahlen und … und Gräbern. Es … Es sah so gruselig aus …“

Unschlüssig verschränkte Chris die Arme vor der Brust. Er musste daran denken, wie Maggie früher ausgesehen hatte.

Wie eine wandelnde Tote …

„Du hast nichts gesehen“, flüsterte er still.

„Doch! Ich habe-“

„-nichts gesehen!“, unterbrach Chris ihn streng, „Du hättest die Zettel in Ruhe lassen müssen. Du hättest-“, er schüttelte den Kopf und wandte sich hilfesuchend Isabel zu. Der andere Zwilling war doch feinfühliger. Er brauchte sie.

Zögerliches Nicken antwortete ihm.

„Wir alle haben unsere Bündel zu schleppen, Robby. Solange Mag nicht drüber redet, fragen wir nicht nach. Das hat uns Anja so beigebracht, weißt du noch?“

Langsam senkte der Jüngere den Blick. Dann nickte er und Chris fiel ein kleiner Stein vom Herzen.

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