K: Nicht studieren

Ilse feuerte den Ofen an. Ein knarrendes, altes Ding, das älter als sie selbst war. Er musste noch mit Holzscheiten und dem Blasebalg vorgeheizt werden. Dennoch galt er zum Zeitpunkt des Hausbaus als modern.

Ganz im Gegensatz zu dem Kühlschrank daneben.

Stöhnend erhob sich Ilse und schloss den Ofen. Sie musste sich erst um das Frühstück kümmern. Danach kamen die Kuchen und Plätzchen ran, die sie an die Nachbarn verkaufte.

Es knarrte leise.

„Na? Endlich wieder daheim, Bekki?“

Geduldig wartete Ilse darauf, dass ihre jüngste Tochter in die Küche kam.

„Ich war nur kurz draußen, die frische Luft genießen“, erklärte Rebekka sogleich.

Ilse drehte sich nicht um. Sie kannte ihr Mädchen. Sie wusste wann es log.

Und sie wusste, wann es sich dafür schämen würde.

„Es ist etwas schwül. Vielleicht regnet es später“, erklärte Rebekka weiter.

Ilse blieb stur dem Ofen zugewandt.

Rebekka seufzte.

„Entschuldige, Mama.“

Stoff raschelte. Ein Stuhl knarrte. Kopfschüttelnd begann Ilse einige Eier in eine Schale zu schlagen. Heute würde es Rührei geben. Das mochte ihr Mann am liebsten.

„Trägst du noch die Anziehsachen vom Vortag?“

Stoff raschelte.

„Zum größten Teil.“

Irritiert wandte sich Ilse um. Sie musterte ihr Kind von oben bis unten. Ihr Kind … Dabei war sie doch alles andere als ein Kind. Sie war eine erwachsene Frau. Genauso alt wie Ilse, als diese Oscar ihr Jawort gab.

Rebekka wies still auf die Jacke, die auf ihren Schultern ruhte. Sie war bräunlich. Beinahe gewöhnlich. Dennoch schimmerte ein fremdartiges Schriftzeichen an einem der Ärmel, das Ilse nicht einzuordnen wusste.

„Ich habe sie mitbekommen, damit mir nicht kalt werden würde“, erklärte sie.

„Bekki …“, seufzend setzte sich Ilse zu ihrer Tochter.

Das Frühstück müsste warten.

„Es ist alles in Ordnung. Wirklich. Wir … Er ist nett. Ja? Keine Sorge. Er hat mir geholfen, damit ich-“

Ilse hob die Hand und augenblicklich verstummte die Jüngere.

„Bekki“, begann sie erneut, „Du kannst doch nicht die ganze Nacht wegbleiben, um dich mit einem Jungen zu treffen. Das gehört sich nicht.“

„Tagsüber muss er arbeiten“, erklärte Rebekka sofort, „Ansonsten hätte ich ihn schon längst hergebracht, um ihn Papa vorzustellen. Glaub mir.“

Ilse musterte ihre Tochter streng, dann wandte sie sich ab.

Das würde nichts bringen. So würde ihr Kind nur trotzig werden und das Zuhören verlernen. Ilse musste das Thema erst ruhen lassen, ehe sie auf Einsicht hoffen konnte.

„Lassen wir das … Wie kommst du mit dem Lernen voran? Wenn du die Aufnahmeprüfung der Universität wieder vergeigst, wird Oscar-“

„Ich werde sie nicht mitschreiben.“

Überrascht hielt Ilse inne. Die Worte waren so schnell über sie eingebrochen, dass sie sich unsicher war, richtig gehört zu haben. Ihre Bekki konnte nicht ernsthaft-

„Ich werde“, Rebekka holte tief Luft, „die Prüfungen nicht mitschreiben. Ich … Ich lass es lieber sein, als sie wieder absichtlich in den Sand zu setzen.“

„Wieder …“, eine böse Vorahnung beschlich die Mutter, „Was hat das zu bedeuten, Bekki? Wenn du nicht studierst, wirst du hier in Kriegsheim bleiben müssen. Willst du nicht wie deine Schwester-“

„An die Uni gehen, mir einen klugen oder reichen Kerl anlachen und dann als Hausfrau die Beine hochlegen?“, verächtlich schnaubte Rebekka, „Mama, der Mann von Janice ist egoistisch, narzisstisch und so geldgierig, dass mir die Gale hochkommt. Ich will solche Menschen nicht kennenlernen müssen. Ich habe mein Leben hier gefunden. Und hier will ich auch bleiben.“

Ilse nickte sachte. Ja. Sie verstand ihre jüngste Tochter nur zu gut. Oscars Vorstellungen waren eben nicht die-

Darum ging es hier nicht!

„Bekki, willst du wirklich aufgrund dieser Vorurteile deine Zukunft aufs Spiel setzen? Wie willst du später dein Leben finanzieren? Wovon willst du leben? Du musst doch eines Tages auf eigenen Beinen stehen. Du musst-“

„Nicht studieren, Mama. Bitte“, verzweifelt ergriff Rebekka ihre Hände und Ilse ließ sie gewähren, „Mama … Ich möchte hierbleiben. Ich … Ich habe hier alles gefunden, was mich glücklich macht. Ich und- Ich will nicht-“

„Wer ist dein Freund, Bekki?“

Sofort schwieg ihre Tochter wieder. Ihre Hände zuckten ganz leicht, dann ließen sie von Ilse ab. Der Ofen knackte leise.

Und stumm krallte sich eine Vorahnung in Ilses Herz.

„Julian lebt in dem Anwesen am Dorfrand. Er … Er muss hierbleiben, weil … es ist kompliziert. Er passt auf jemanden auf, wie ein Bodyguard, doch-“

„Und deswegen willst du hierbleiben?“, unterbrach sie ihre Tochter erneut.

Zögerlich nickte die Jüngere. Sie sah plötzlich wieder so klein aus. So klein und unschuldig und verletzlich. Wie damals. Damals, als Ilse sie zum ersten Mal in ihren Armen gehalten hatte und-

Erschöpft blickte sie zum Ofen zurück.

Oscar würde keinen Schwiegersohn akzeptieren, der kein Geld bringen würde. Er wollte, dass seine Mädchen aufstiegen. Er wollte, dass sie aus diesem Dorf rauskamen. Er wollte, dass sie ihn einen Ruhestand in einer Stadt verschaffen würden!

Das hatte er bewiesen, als er Janice zu ihrer Heirat gedrängt hatte.

Kopfschüttelnd bedeckte die alte Frau ihr Gesicht mit den Händen.

Alt? Ja … Sie war so alt geworden. Und Bekki war noch so jung. Sie konnte noch so viel im Leben erreichen. Ein Studium war mehr, als nur die Paarvermittlung, die Oscar darin sah. Ein Studium könnte ihre Bekki durchs Leben bringen. Deswegen hatte sie doch auch damals bei Janice zugestimmt und-

Sie blickte wieder zu Bekki.

Bekki war schon immer eigensinniger gewesen. Wenn sie bereits die letzte Prüfung absichtlich in den Sand gesetzt hatte, um hierbleiben zu können … Zu welchen anderen Mitteln würde sie dann noch greifen?

„Und Julian bedeutet dir so viel?“, fragte sie vorsichtig nach, „So viel, dass du deine gesamte Zukunft für ihn wegwerfen würdest?“

„Meine gesamte Zukunft und noch mehr“, erklärte ihre Tochter mit einer solchen Entschlossenheit, dass Ilse erschauderte.

Kopfschüttelnd stand sie auf und schaute aus dem Fenster. Raschelnd beugten sich die Bäume herab. Sie erinnerten Ilse an ihre eigene Mutter. Und wie diese immer so sicher wirkte.

„Du musst dich umziehen. Schnell“, flüsterte Ilse in die Küche, „Dein Vater wird bald runterkommen. Und wegen deines Studiums … Ich will erst deinen Freund in Ruhe kennenlernen. Bring ihn heute Nacht her, wenn dein Vater im Bett ist. Dann sehen wir weiter.“

Dankend lief ihre Bekki hinaus. Doch bekam die andere es kaum mit. Noch immer starrte sie hinaus in den Wald.

Etwas starrte zurück.

Die alte Frau schlürfte zum Fenster und öffnete es einen Spalt. Leise stellte sie eine Schale auf das Fensterbrett, ehe sie auch dort eine Portion vom Frühstück anrichtete und sie sogar noch mit Petersilie verzierte.

„Es fühlt sich an, als würde ich Oscar hintergehen“, wisperte sie, „Dabei will ich doch nur, dass es meinen Kindern gut geht. Ist das denn zu viel verlangt?“

Als sie gegen Mittag das Fenster schließen wollte, war das Essen verschwunden.

Stattdessen ruhte, wie zum Dank, ein violettes Veilchen in der Schale.

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