Fujis Unwissenheit

„Wow“, staunend schwebte Fuji zwischen den Bergen durch, die ihn zu beiden Seiten überragten, „So etwas hätte ich nie erwartet!“

„Du bist nicht viel rumgekommen, oder?“, entgegnete Alpe lachend.

Eigentlich wollte er verneinen, jedoch … Er war am meisten gereist, als er damals Sabine einholen wollte. Damals hatte er kein Interesse für seine Umgebung gehabt. Und davor, in seinem letzten Leben …

Nun. Zu dem Zeitpunkt war die ganze Welt noch eine andere gewesen. Fuji war zwar viel umhergeflogen, allerdings meist nur im Kreis. Es waren immer dieselben Wälder, Flüsse und Täler unter ihm vorbeigezogen. Erst als er mal etwas anderes, als er an die Wüstengrenze erblickt hatte, hatte er sich ergossen.

Für das Leben.

„Achtung“, riss ihn Alpes sanfte Stimme aus den Gedanken und eilig flog Fuji um einen Hang herum, der aus den Bergen emporragte.

„Es ist hier so kalt“, murmelte er.

„Kalt? Du kommst aus dem tiefsten Norden!“, bebend vor Lachen nahm sie ihn in ihre Mitte und schenkte ihm dadurch etwas Wärme. Jedoch nicht, ohne ausreichend Platz zu lassen, damit sie sich nicht vermischten.

„Ja, aber irgendwie ist es mir dort kaum aufgefallen. Da waren ja auch diese schönen Lichter und-“

-und die zweite Sabine. Die kalte Sabine, die ihn fortgeschickt hatte.

Entschlossen schob er die tristen Gedanken beiseite. Er blickte in den sternenübersäten Himmel und konnte nun das Geflüster über sich vernehmen. Doch kümmerte es Fuji nicht.

Alpe war bei ihm.

„Das waren die Polarlichter. Man sieht sie nur an den kältesten Orten und, wenn du mich fragst, sie strahlen heller als jeder der eingebildeten Sterne da oben“, erklärte die andere Wolke.

Sofort ließ das bedrückende Gefühl von ihm ab.

„Ich fand sie vor allem schön bunt! Damit kann absolut nichts mithalten.“

„Nichts?“

„Nichts!“

Die andere Wolke vermittelte ihm ein Gefühl der Geborgenheit und plötzlich fühlte sich Fuji wieder ganz klein. Wie damals. Als er das erste Mal neu auf die Welt kam.

Wie ein Kind.

„Hm“, summend schlug Alpe eine neue Richtung ein, „Du scheinst wirklich noch nicht viel von dieser Welt gesehen zu haben. Komm. Ich will dir zeigen, wo die Menschen sich tummeln.“

Menschen? Nun war Fujis Interesse geweckt. Neugierig ließ er sich von ihr leiten. Sie kannte den Weg aus den Bergen. Den sicheren Weg, bei dem sie nicht erst aufsteigen mussten. Denn je höher Fuji flog, desto mehr erfror sein Wasser …

„Wir werden eine Weile unterwegs sein. Schau also noch nicht nach unten. Ich möchte, dass du dich überraschen lässt.“

Das konnte der jüngeren Wolke Recht sein. Seitdem sie sich über die zweite Sabine ausgetauscht hatten, war Alpe ein Anker für ihn geworden. Für sie würde er sein Augenlicht eintauschen! Denn sie hatte auch den Verrat des Mondes durchgemacht. Zumindest bezeichnete sie es so. Durch ihren gemeinsamen Schmerz fühlte er sich mit ihr verbunden. Sie waren auf derselben Wellenlänge.

Passte sie deswegen nun so fürsorglich auf ihn auf?

„Was sind eigentlich Menschen?“, fragte Fuji nach einer Weile in die Stille und rollte sich in der Luft, um Alpes Gesicht sehen zu können.

„Menschen sind komische Tiere. Also. Sie waren mal Tiere und dann haben sie angefangen, komische Sachen zu machen. Sie wurden immer größer, verloren ihr Fell, begannen die Erde zu verändern … zu verbessern. Zumindest nannten sie es so. Ob man die Dinge jedoch als Verbesserungen betrachten kann, bleibt noch offen zu hoffen. Immerhin werden die anderen Tiere dadurch immer mehr unterdrückt.“

„Also … sind die Menschen wie die Sterne? Sie wollen alles besser wissen und tun damit denen um sie herum weh?“

Alpe kniff die Augen zusammen. Sie schien plötzlich sehr nachdenklich zu sein. Beinahe nostalgisch?

„Jein. Ich weiß nicht. Ich sehe es nur von hier oben. Ich kann es nicht beurteilen. Also unterlasse ich es.“

Irritiert blickte Fuji wieder zu den Sternen hoch. Er konnte seinen Namensgeber von hier aus erkennen. Genau wie einige der anderen Himmelskörper …

Warum bildete sich Alpe keine Meinung zu den Menschen?

Und warum wollte er das unbedingt tun?

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