K: Nur ein Traum II

„Du bist spät dran“, begrüßte er JM, als sie sich endlich ins Zimmer schlich.

Hockend wartete er bereits seit Stunden neben dem bewusstlosen Mann auf sie. Am liebsten hätte er den Trunkenbold raus gezerrt. Er wollte ihn weit weg von dem kleinen Mädchen wissen, welches ihm so sehr ans Herz gewachsen war!

Aber Oni war nicht stark. Er war noch nie stark gewesen. Selbst damals, als seine Vertraute ihn brauchte, als er sie vor der ganzen Welt verteidigen wollte und Zähne fletschend vor ihr stand, war er ihr nur ein Klotz am Bein gewesen.

„Ich hatte zu tun“, erwiderte die neu angekommene Frau ausweichend und schob sich an ihm vorbei.

Zwei rot leuchtende Augen tauchten neben ihr auf. Sie erschienen aus dem Nichts und blieben mitten in der Luft hängen. Zuerst bohrten sie sich in Oni, dann in den schlafenden Mann.

„Hast du ihn umgebracht?“

Beleidigt sprang der kleine Desson auf.

„Umgebracht?!“, stampfend näherte er sich dem Unsichtbaren, „Was denkst du von mir, Borei?!“

„Ich bitte um Verzeihung.“

Doch Oni reichten diese Worte nicht!

„Sehe ich so aus, als ob ich keine anderen Auswege kennen würde?! Als ob ich nur im Tod eine Lösung sähe?!“

„Bitte. Ich habe es nicht so gemeint.“

„Und wie dann? Hältst du mich für so-“

„Wir haben es verstanden, Oni“, unterbrach ihn JM scharf, „Nun weck bitte nicht das ganze Dorf auf. Sonst kriegen wir den Mistkerl nicht ungesehen hier raus.“

Nickend ließ sich der Desson auf den Boden fallen.

Sie hatte Recht. Er hasste es, ihr zuzustimmen. Aber sie hatte Recht. Sah er immer noch das Kind seiner Vertrauten in ihr? Er wusste noch genau, wie sie damals ihren ersten Atemzug gekostet hatte. Wie sie geschrien hatte. Wie seine Vertraute ihn gebeten hatte, ihrem Kind immerzu zu helfen. Ihrem Kind beizustehen. Ihr Kind zu beschützen.

Und nun war sie kein Kind mehr.

Aber das allein hob nicht seine Versprechen auf.

„Was willst du mit ihm tun? Wenn wir ihn auf die Straße setzen, könnte er jederzeit wiederkommen. Aber wenn wir ihn für eine Tat bestrafen, die er noch nicht begangen hat …“

Das hätte meine Vertraute nicht gewollt.

Unsicher sah Oni zu JM auf. Diese stand jedoch nur reglos da und starrte auf Nadja. Nadja, die in demselben Traum gefangen war, wie der Mann auf dem Boden.

Wenngleich Oni ihren sehr viel angenehmer gestaltet hatte.

„Ich weiß, ich weiß“, das Flüstern der Frau lenkte seinen Blick wieder zu dieser. Gelassen drehte sie ihren Holzarmreif im Kreis und ließ damit den Mann schweben. Sie zog ihn so lautlos hinter sich her, während sie das Zimmer verließ.

„Ich weiß, ich weiß, ist auch keine wirkliche Antwort“, zeterte Oni.

Er bemühte sich gar nicht erst, mit ihren langen Beinen Schritt zu halten. Stattdessen blinzelte er sich ans andere Ende der Treppe. Dafür musste er nur die Augen schließen, sich auf seine Energien konzentrieren, die richtige anzapfen-

-und schon befand er sich wieder direkt vor ihr.

Auf dieselbe Weise hatte er sie vor über zwei Stunden besucht und zu sich gerufen.

„Du wolltest meine Hilfe. Bist du dich ihrer nun zu fein?“, fragte sie ihn mit hochgezogenen Augenbrauen.

Oni konnte ihre Mimik genaustens erkennen. Seine Augen brauchten nicht viel Licht, um die Einzelheiten der Welt zu erfassen. Er konnte jede ihrer Falten, jedes Grübchen, jedes Haar und jede Regung genaustens erkennen.

Genauso wie Borei bei ihm.

„Vater. Bitte stelle deine Frage und rede nicht so um den heißen Brei herum. Das passt nicht zu dir“, mischte sich der Unsichtbare nun ein.

JM verschränkte ihre Arme in Onis Richtung.

Und der Desson seufzte resigniert.

„Bitte“, er musste das Wort regelrecht über die Lippen zerren, ehe die restlichen folgen konnten, „Beantworte erst meine Frage: Was willst du mit ihm tun?“

Endlich schien die junge Frau zu verstehen.

So schnell sich ihre Arme verschränkt hatten, so schnell ließ sie sie auch schon wieder sinken. Sie schien sich zu ihm herabknien zu wollen. Dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf. Als hätte sie sich daran erinnert, dass Oni es nicht mochte, wenn man seine Körpergröße auszugleichen versuchte. Stattdessen lehnte sie sich in einer flüssigen Bewegung an die Wand und schien ihre angespannten Knie mit der Bewegung verbergen zu wollen.

„Er muss weg. Und er darf nicht wiederkommen“, murmelte sie leise.

„Willst du ihn eigenhändig umbringen?“

Zu seiner Überraschung schüttelte sie nur sachte den Kopf. Die Bewegung kam stockend, aber sicher. Als hätte sie sich erst selbst ihrer Entscheidung klarwerden müssen.

„Ich … Ich bin mit dem Auto gekommen. Im Herbst wollte ich es im Wald als Notfallunterkunft abstellen. Zuvor könnte ich ihn mit dem bisschen Sprit, das ich habe, ein Dorf weiterfahren. Oder eine Stadt“, den letzten Teil schob sie nachdenklich hinterher. So, als wäre sie selbst noch am Überlegen.

Oni dachte wieder an seine Vertraute. Und wie ähnlich JM ihrer Mutter doch war. Aber Kinder hatten immer zwei Elternteile …

„Und wenn er dort einbricht? Wenn er dort das Verbrechen verübt, das er hier verüben wollte?“

„Ein Verbrechen, das er nie begangen hat. Woher willst du also wissen, dass er es sich nicht anders überlegt hätte?“

„Muss ein Mörder erst jemanden umbringen, ehe man ihn als solchen hinstellen kann? Braucht es wirklich immer erst ein Opfer? Reichen Drohungen und Wunden und Waffen und Gewaltbereitschaft nicht aus? Was denkst du, träumt dieser Mistkerl? Willst du einmal in seinen Kopf sehen? Willst du wissen, was er hier vorhatte? Was er-“

„Ich habe doch auch nicht für alles eine Lösung.“

JM’s erschöpfte Stimme stoppte ihn. Er starrte sie einen Moment lang an. Neben ihr tauchten die roten Augen in der Luft auf. Sie lehnte sich in die Richtung des anderen Desson und es war, als würde etwas über ihren Arm streichen – der Stoff glitt in einer sanften Welle enger an ihren Körper, ehe er wieder von ihr abließ.

Sie sah so zwiegespalten aus.

„Gut.“

Ungläubig wandte sie sich ihm wieder zu.

„Gut?“

„Gut“, wiederholte er nochmal, „Wenn du gleich alles gewusst hättest, hättest du überstürzt gehandelt. Das musst du dir merken! Außerdem schätzt du selbst das Leben dieses Halunken. Das ist wichtig. Das darf sich niemals ändern, ja?“, er machte auf dem Absatz kehrt und kletterte einige Stufen hinauf, „Mach deine Mutter stolz und fälle deine eigenen Entscheidungen. Ich bleibe noch hier und schau, dass Nadja eine angenehme Nachtruhe bleibt.“

Leise schritt JM hinter ihm aus dem Haus. Er lauschte ihrem stummen Abschied. Jedoch schenkte Oni ihm nicht mehr Aufmerksamkeit, als den Leuten, die ihn ständig als Teufel oder Dämon betitelten.

Wenn die Menschen in Schubladen denken wollten, dann sollten sie es tun.

Aber er würde sich in keine stecken lassen! Er blieb nur sich selbst treu!

Als er oben wieder ankam, schnarchte Nadja ganz leise durchs Zimmer. Sie sah so friedlich aus! Oni wäre am liebsten in ihren Traum getreten und hätte ihn unter die Lupe genommen …

Seufzend kauerte er sich unter ihrem Bett zusammen.

„Ich bleibe, bis ich sicher sein kann, dass du diese Nacht vergessen wirst“, murmelte er vor sich hin, „Dann verschwinde ich auf ewig.“

Seine Vertraute hätte gewusst, dass Oni sich eh nicht an diese Worte halten könnte. Seine Vertraute hätte über ihn geschmunzelt und ihn so lange mit falschen Komplimenten überhäuft, bis sie beide lachend auf dem Boden gelegen hätten.

Eine einsame Träne rollte aus Onis Auge und über seine feuerrote Haut.

Er schmierte sie fort.

Er vermisste seine beste und einzige Freundin.

Er vermisste sie so sehr …

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