Fujis Verzweiflung

Stumm schwebte die Wolke vor dem Mond auf und ab. Die letzten Worte des Mondes, nein, seiner Sabine, nein, seiner zweiten-

Woher wollte er wissen, dass der Mond die zweite Sabine war und nicht die erste? Immerhin behauptete der Mond ja, sich an alles erinnern zu können!

Der Preis des Lebens …

Deswegen war seine Sonnen-Sabine so vergesslich. Weil sie sich für die Welt und das Leben darauf aufopferte. Tagein. Tagaus. Tagein. Tagaus …

„Es ist nicht fair“, erklärte Fuji, „Ich wollte euch doch helfen. Aber wenn alles stimmt … Dann müsste ich euch zwei ja irgendwie … Und ich weiß ja nicht einmal, wo ich anfangen soll oder wie ich dich und Sabine, also, meine Sabine, zusammenbringen ka-“

„Nein!“, wie ein Donnerschlag durchschlug das Wort den Himmel.

Erschrocken zuckte die Wolke zusammen und verlor dabei einige Tropfen Wasser, die als Schnee hinunter segelten.

„Nein?“, fragte er vorsichtig.

„Nein“, ruhiger, aber immer noch sehr nachdrücklich starrte der Mond auf ihn herab, „Ihre Vergesslichkeit und meine schattenhafte Existenz sind nicht sinnlos. Sie müssen so bestehen bleiben! Ich weiß, du möchtest nur helfen. Jedoch ist es zu gefährlich. Ohne ihre Erinnerungen weiß meine andere Hälfte nicht, wozu sie imstande ist. Sie weiß nicht, was sie tun kann. Und sie weiß nicht, dass sie so viel Elend über die anderen Planeten bringen kann, wie-“

Der Mond brach ab. Fuji sah, wie sich der Stein anspannte. Wie die Gesichtszüge härter wurden. Als befürchtete diese Mond-Sabine zu viel gesagt zu haben.

Dann seufzte sie aus tiefstem Herzen.

„Fuji. Ich möchte nicht, dass diese Welt zerstört wird. Und ich bin der größere Teil von Sabine. Kannst du dich also bitte meinen Worten beugen und sie akzeptieren? Die Sonne und ich durften ein sehr langes und erfülltes Leben als eine Einheit genießen. Aber nun geht es nicht mehr um uns. Es geht um unsere Kinder. Um dich und all die Wesen, die mit dir über die Erde wandeln. Für sie müssen wir leiden.

Und das ist in Ordnung so.“

Die Finalität in ihren Worten erschreckte Fuji mehr, als er zugeben wollte. Mehr noch als das vorherige Nein, das so scheppernd über ihn hergefallen war.

„Ich hatte versprochen ihr zu helfen. Ich hatte versprochen-“

„Und du hast dein Versprechen gehalten“, unterbrach Mond-Sabine ihn gutmütig, „Du hast mich gefunden. Du bist Alpes Rat beherzigt und hast deinen Weg zu mir gefunden. Du hast geholfen.“

„Aber ich habe nichts bewirkt!“, schrie Fuji verzweifelt aus, „Ich wollte IHR helfen! Und auch wenn du ein Teil von IHR bist. Du bist nicht SIE! Du … Du …

Du kannst dich doch erinnern …“

Die Worte wollten sich kaum von seiner Zunge lösen und geschlagen schrumpfte er in sich zusammen.

Es war nicht fair … Vor allem … Die Mond-Sabine hatte gut reden! Wusste sie überhaupt, wie es war? Wie es war, Tag für Tag neu zu beginnen? Tag für Tag ohne Erinnerungen an die vorherigen? Ohne Erinnerungen an Gespräche und Freunde? Ganz allein? Während keiner mit ihr sprach?

Wie wollte sie also irgendetwas über ihre andere Hälfte entscheiden können?!

„Nur weil ich mich erinnern kann, macht es die Sache nicht unbedingt leichter. Fuji. Ich habe mich nicht aus Spaß dir gegenüber offenbart. So schwer es mir auch fällt – ich muss dich um etwas bitten. Du wirst es nicht mögen, aber-“, sie seufzte erneut, „Seitdem du der Sonne helfen möchtest, lehnt sie sich jeden Tag näher zur Erde herab. Sie heizt alles auf. Das ist nicht gut. Das wird den Planeten irgendwann zerstören. Verstehst du?“

„Was willst du damit sagen?“, Fuji schwebte etwas tiefer – fort von dem Stein im Himmel, der ihn zu ängstigen begann.

„Fuji. Es schmerzt mich, dich darum zu bitten. Aber ich muss. Und du musst es befolgen. Es ist besser für uns alle. Aber … Du darfst nicht mehr mit der Sonne reden. Wenn sie noch näher an die Erde kommt, werden die Folgen verheerend sein. Das kann und will ich nicht verantworten. Auch wenn es ihre Vereinsamung zur Folge hat.

Verstehst du?“

Doch die Wolke hörte nicht mehr zu.

In ihr drin war etwas zerbrochen.

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