C: Traumplagen II

Die gesichtslosen Leute umkreisten Liane tuschelnd. Es war ein leises Tuscheln. Vereinzelt konnte sie ein paar Silben ausmachen, aber die meisten dröhnten sich gegenseitig aus. Jemand schnaubte abfällig. Dann war da wieder der eine Satz, der sich stets am Rauschen vorbeischob. Der eine Satz mit dem alles anfing. Der eine Satz, der ihre Alpträume bestimmte:

„Der Teufel hat sie geschickt – soll sie doch zu ihm zurückkehren!“

Erschrocken drehte Liane sich um. Doch die grauen Gestalten blickten nur unbeteiligt durch den Nebel zurück. Keine von ihnen schien gar Notiz von dem Mädchen mit den zwei Flechtzöpfen zu nehmen.

Sie kam sich so klein und unbedeutend vor …

„Der Teufel!“, ertönte es rechts von ihr und zitternd umarmte sie sich selbst. Der Nebel schien zu vibrieren. Alles um sie verschwamm. Der Boden verschwand hinter dem Schleier. Ihre Beine verschwanden. Ihre Arme. Ihr Oberkörper-

„Ich wurde nicht vom Teufel geschickt … Bitte hört auf“, flehte sie die Gestalten an, die mit ihren Schatten die Welt verdunkelten.

Aber alles Flehen und Betteln würde nichts bringen. Das wusste Liane. Sie hatte sich viel zu oft in diesem Traum wiedergefunden. Es gab kein Entkommen. Es gab kein Erwachen. Nicht, solange ihr Wecker schwieg …

„Kehre zum Teufel zurück!“

„Oder ist sie der Teufel?“

„Die Braut des Teufels!“

Die Stimmen überschlugen sich und schniefend kauerte Liane sich zusammen. Sie kam sich so winzig vor. Ihre Flechtzöpfe lagen schwer auf ihrem Rücken. Sie spürte, dass er ansonsten nackt war. Ihre Kleidung entblößte ihn. Ein Windhauch strich an ihr vorbei, schien sie beruhigen zu wollen – dann stürzten sich die Schatten auf sie!

Wie eine unendliche Last rangen sie Liane zu Boden und rammten sie in den Boden. Schmerzen breiteten sich auf ihrem Rücken aus. Die Pein wurde unerträglich, während die Schatten das Mädchen tiefer drängten. Immer tiefer. Als wollten sie sie in einen Abgrund drängen und-

„Hil- Hilfe!“, Liane spürte, wie ihre Luft knapp wurde. Panik machte sich bemerkbar. Sie musste hier raus. Sie musste weg! Sie-

„Würdest du dir auch Vorwürfe wegen Myra machen, wenn du dich erinnern könntest?“

Das Gewicht verschwand. Die Gestalten lösten sich auf. Der Nebel lichtete sich und Liane konnte einen weißen Film auf den Steinen unter ihr ausmachen.

Auf den Steinen? Ja. Sie kniete auf riesigen Steinen, die einen Berg bildeten. Vereinzelt hatte sich Schnee auf den glatten Oberflächen gesammelt. Oder war es etwas anderes? Es wirkte irgendwie cremiger. Irgendwie wie Schimmel? Nein. Er war nicht eklig. Er war eher wie … weißes Moos?

Er kam ihr so vertraut vor. Wie ein lang ersehnter Traum, der-

Mit einem unsicheren Gefühl im Magen sah Liane gen Himmel. Sie starrte auf die zwei Sonnen, die sie seit Jahren nicht mehr erblickt hatte. Dabei hatten sie die Himmelskörper einst jede Nacht heimgesucht. Es war so lange her, dass sie in den Strahlen der beiden Sonnen baden konnte. Der eine Feuerball stand etwas höher und wirkte größer als der zweite. Aber dennoch waren sie ihr so vertraut. So-

„Würdest du dir auch Vorwürfe wegen Myra machen, wenn du dich erinnern könntest?“

Die Worte hallten wie ein Echo durch ihren Kopf und nachdenklich suchte Liane den Sprecher. Stattdessen fand sie einen gewaltigen Stein, der etwas von ihr entfernt lag. Er war eine gewaltige Kugel, die dreimal so groß war wie das Mädchen. Ihre Oberfläche sah glatt poliert aus. Nein. Sie wirkte beinahe wie ein Spiegel!

Ein Gefühl der Trauer überkam Liane und sie sackte zusammen.

Dieser Ort … es fühlte sich so an, als wäre hier jemand gestorben. So …

„Würdest du dir auch Vorwürfe wegen Myra machen, wenn du dich erinnern könntest?“

„Wer bist du?“, flüsternd drehte sie sich im Kreis, „Wo bist du? Warum … Warum kommt mir deine Stimme so vertraut vor?“

Ein entferntes Gespräch kam ihr wieder in den Sinn. Ein Mann, der ihr so seltsam und so bekannt zugleich erschienen war. Der sie anders genannt hatte. Der-

„Du kannst nicht lügen, kleine Lilith. Das konntest du noch nie.“

„Wer bist du wirklich?! Was willst du von mir?! Wieso … Wenn du etwas weißt, wieso sagst du es mir nicht?!“, schrie sie in ihrer Einsamkeit aus.

Etwas Nasses kullerte über ihre Wange.

Erschrocken tastete das Mädchen nach den Tränen. Sie strömten ungefragt an ihrem Gesicht herab.

Sie schluchzte erschöpft.

Das hier tat so viel mehr weh, als die üblichen Alpträume. In den üblichen Alpträumen hatte sie nur mit den Meinungen ihrer Mitmenschen zu kämpfen. In den üblichen Alpträumen musste sie nur deren harsche Worte ertragen. In den üblichen Träumen musste sie nur ausharren.

Das hier war aber anderes.

„Würdest du dir auch Vorwürfe wegen Myra machen, wenn du dich erinnern könntest?“

Erstmalig nahm sie die Worte wahrhaftig auf. Sie spürte, wie sich etwas in ihr sträuben wollte. Wie ein Teil von ihr einzig vergessen wollte und wie sie gegen sich selbst kämpfen musste!

„Myra“, kostete sie den Namen auf ihren Lippen, „My… ra. Myra.“

Sie glaubte, diesen Namen vermisst zu haben. Als hätte sie ihn bereits vor Jahren gesucht. Als hätte jemand ihr erzählt, dass der Name nicht real wäre. Als hätte-

Ein Lächeln erschien vor ihrem inneren Auge. Ein stummes Lächeln mit goldenen Augen. Wirr standen die Haare vom Kopf ab. Nein. Keine Haare. Waren es Dreadlocks? Nein. Sie wirkten lebendiger. Sie wirkten-

So schnell, wie das Gesicht aufgetaucht war, verschwand es wieder. Es blieben nur diese goldenen Augen zurück. Diese goldenen Augen, die-

„Ich bin so bescheuert. So dämlich und bescheuert und-“

Die andere Stimme brach sofort wieder ab und Liane sah sich zittrig auf dem einsamen Berg um.

„Hallo?“, fragte sie zögerlicher, „Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“

Wo kam die Stimme her? Warum konnte sie diesen seltsamen Mann nirgends erblicken? Das hier war doch ihr Traum! Er musste hier sein! Sie musste ihn finden! Sie-

„Danke. Manchmal wünschte ich, du wärst mein Vater gewesen, Chemchen.“

Erschrocken sprang sie auf und stolperte dabei beinahe über den weißen Film. Sie riss ihren Kopf hin und her. Allerdings konnte sie niemanden ausmachen. Sie war allein. Allein auf diesem Steinberg!

Vorsichtig tastete sie nach ihrem Mund.

Das war gerade ihre eigene Stimme gewesen! Sie hatte sich selbst sprechen gehört! Aber sie hatte nicht gesprochen! Und sie konnte sich auch nicht daran erinnern, diese Worte je in den Mund genommen zu haben! Sie konnte sich nicht erinnern, je irgendjemanden „Chemchen“ genannt zu haben! Sie-

Liane stieß mit ihrem Rücken gegen den riesigen runden Stein und spürte, wie Wehmut sie überfiel. Schmerzen explodierten in ihrem Herzen. Ihr Atem stockte. Ihr Rücken-

Ihr Rücken brannte so fürchterlich! Es war, als hätte jemand Lava darauf ausgegossen. Oder als ob sie gebrandmarkt wurde! Genau! Das traf es eher! Diese Pein raubte ihr beinahe den Verstand! Sie-

„Nein. Das würdest du dir nicht wünschen, Kleines. Das würde sich keiner wünschen. Ich bin nicht … Ich bin nicht verantwortungsbewusst genug.“

Die Worte rissen die Schmerzen fort.

Ruckartig fuhr Liane aus ihrem Bett hoch. Sie sog hastig Luft ein. Ihre Ohren pochten. Die Dunkelheit umgarnte sie wie ein Balsam. Wie ein Balsam, der die Welt der zwei Sonnen vertrieb.

Denn dort wurde es nicht dunkel.

Sie wusste nicht, wie lange sie so dasaß, ehe sie wieder durchatmen konnte. Erschöpft sackte sie auf ihrem Bett zusammen. Ihre Arme fühlten sich so schwach an. So ausgelaugt und schwach. Ihr ganzer Körper fiel schlaff in sich zusammen, als hätte er gerade einen Marathon hinter sich.

Was war los mit ihr? Was sollte das? Warum hatte sie ein solcher Traum überfallen? Was wollte er ihr sagen? Wo kam er her?!

Zittrig umklammerte sie sich selbst, während die Einzelheiten der Nacht bereits verschwammen. Namen … Da waren Namen gewesen! Die Stimme hatte sie an jemanden erinnert. Sie hatte goldene Augen gesehen … und zwei Sonnen! Oder irrte sie sich? Hatte sie sich eine Sonne eingebildet? An welche Namen dachte sie?

Nur Lilith war an ihr haften geblieben.

Lilith.

Lilith.

Wieso hatte der seltsame Mann sie eigentlich Lilith genannt? Der, der sie gerettet hatte? Wo war er hergekommen?

Und wo war er jetzt?

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