K: Für unseren Sohn II

Die ersten Absonderlichkeiten fielen Thomas vier Wochen später auf.

Ihre Nachbarn schienen abends immer einen Teller mit Essen vor die Tür zu stellen. Keine Essensreste wohlgemerkt. Sondern richtige Menüs! Teilweise gingen sie sogar extra dafür einkaufen oder verzichteten auf ihren Nachschlag, um ihre Opfergabe vollständig darbieten zu können! Irritiert hatte er Selina nach dem Grund gefragt, doch sie schüttelte nur ratlos den Kopf.

„Die Leute hier sind anders. Sie sind zwar freundlicher und offener. Aber ihre Angewohnheiten sind … eigenartig. Ist dir aufgefallen, dass die Teller am nächsten Tag immer leer sind, Thomas? Aber man findet keine Pfotenabdrücke oder andere Spuren drum herum …“

„Vielleicht waren es Vögel?“

„Vielleicht …“

Keiner von ihnen glaubte, dass Vögel dafür verantwortlich waren. Allerdings beruhigte es, eine Erklärung zu haben. Egal, wie irrsinnig sie auch sein mochte.

Kurz darauf musste er wieder zur Arbeit. Es schmerzte ihn, fortzugehen. Allerdings war das das Leben, das er gewählt hatte. Er liebte seinen Beruf. Und auch wenn er Opfer verlangte … Wenigstens hatte er Selina und Janek helfen können, sich vorher häuslich einzurichten. Die beiden würden schon klarkommen, bis Selinas Eltern mit nach Kriegsheim reisen konnten.

„Pass gut auf deine Mama auf. Bleib artig. Iss schön und sei der Mann im Haus“, verabschiedete sich Thomas von seinem Sohn.

„Ja! Und Usagi mit aufpassen!“, erwiderte der Kleine.

„Meinetwegen. Usagi auch“, er wandte sich seiner Frau zu, „Du kommst klar?“

„Ja doch. Einen Monat überleben wir schon ohne dich. Und Ma und Pa werden ja auch bald herziehen. Keinen Grund zur Sorge“, sie küsste ihn zum Abschied.

„Wenn etwas ist …“

„Sabine, die Betreuerin aus dem Waisenhaus, hat mir ihre Hilfe angeboten. Wir werden hier also schon klarkommen!“

Nickend verließ er sie.

Erst als er über die Wolken segelte und gelegentlich den funkelnden Ozean unter ihm erblickte, holten ihn die Worte seines Sohnes wieder ein.

Usagi … So hatte er doch auch den Makler genannt, oder? Aber hatte er nicht auch etwas Anderes gesagt …? Shiwen? Shisen? Nein. Shizen! Genau!

Nachdenklich sah Thomas über seine Anzeigen. Es war alles im grünen Bereich. Alles normal. Alles ruhig. Alles …

Alles regte dazu an, dass er sich in seinen Gedanken verlor. Dass er über die seltsamen Worte oder auch Namen nachdachte, die sein Sohn aus dem Nichts in ihr Leben gezaubert hatte. Wo hatte er sie her? Aus einer Fernsehserie? Nein. Das konnte nicht sein. Dafür sah er zu selten etwas. Von Freunden? Aber so viele hatte Janek auch nicht.

Thomas wusste gar nicht, ob Janek in den letzten drei Monaten überhaupt in Kontakt mit anderen Kindern gekommen war. Mit den Waisenkindern im Dorf vielleicht, weil Selina sich mit der Betreuerin angefreundet hatte, aber …

Nein. Von denen hatte sein Sohn bestimmt nicht diese komischen Worte.

Nur … woher dann?

Die Fragen mussten mehrere Wochen warten, ehe er total übermüdet nach Zuhause zurückkehrte. Verschlafen schmiegte Thomas sich an seine Frau, die im Ehebett auf ihn wartete.

„Alles gut gewesen?“, fragte er sofort.

„Ja“, gähnend drehte sie sich in seinen Armen um, bis sie in sein Gesicht sehen konnte, „Vorletzte Woche hatten wir ein paar Probleme mit dem Wasseranschluss. Irgendein Defekt, der vom Haus der alten Ilse aus alle Gebäude südlich betroffen hatte. Aber nach drei Tagen lief alles wieder wie gewohnt. Und weißt du, was komisch war? Während der Überflutungen gab es kein Gemecker. Die Leute hier haben sich alle so gut gegenseitig ausgeholfen. Es war erstaunlich!“

Begeistert erzählte Selina von diversen Nachbarn, mit denen sie sich nun gut verstanden. Es klang wie ein Zaubermärchen. Die Großstadtfamilie, die in den Reihen der Dorfbewohner akzeptiert und in diese gewaltige Familie aufgenommen wurde.

„Aber die Patils im Westen sind wohl nicht sonderlich beliebt“, bemerkte sie am Ende, „Die kapseln sich ganz schön ab. Von Ilse weiß ich, dass sie wohl eine größere Familie sein sollen, die immer wieder Familienfeiern veranstaltet. Deswegen werden alle Fremden für Patils gehalten.“

„Hm … Und weißt du auch, wer dieser Usagi oder dieser Shizen sein sollen?“, unterbrach er ihre Ausführungen nachdenklich.

Die Namen ließen ihm einfach keine Ruhe! Und wenn Selina nun schon so viele Freunde in diesem Dorf gefunden hatte … Vielleicht waren sie von hier? Sie könnte es vielleicht wissen. Nein. Sie musste es wissen! Immerhin hatte ihr Sohn diese Namen doch erstmalig hier in den Mund genommen!

Sie blickte an ihm vorbei zum Fenster.

Dann schüttelte sie stumm den Kopf.

„Du meinst, weil Janek die Namen immer wieder erwähnt?“, fragte sie flüsternd.

„Dann hat er damit weitergemacht?“, hauchte er ihr entgegen, angesteckt von einer mysteriösen Aura.

„Ja … Aber er redet ständig davon, dass er ja mit ihnen spielen wolle oder dass sie uns beschützen würden. Ich habe überlegt, ob er sich Fantasiefreunde erschaffen hatte, weil der Kontakt zu anderen Kindern ja recht mau ausfiel. Aber … ich weiß nicht …“

„Hm …“, Thomas sah zur Decke hinauf.

Das wäre zwar gänzlich möglich, doch … irgendwie irritierte es ihn auch. Immerhin musste Janek die Namen ja trotz allem irgendwo her haben.

„Ich war die letzten Wochen immer wieder mit ihm im Waisenhaus, damit er mehr mit den Kindern dort interagiert. Im Großen und Ganzen schien es zu klappen. Er hat Usagi und Shizen immer seltener erwähnt. Nur … Ich weiß nicht … Es fühlt sich alles irgendwie falsch an …“, ihre Stirn verbarg sich in nachdenklichen Falten, die in der schummrigen Atmosphäre beinahe verschwanden.

„Meinst du diesen Ort hier?“

„Nein!“, abrupt setzte sie sich auf und schüttelte den Kopf, „Nein. Dieser Ort hier ist fantastisch. Er ist zauberhaft. Ein Paradies! Ich verstehe gar nicht, wie man ein solches Dorf als Kriegsheim betiteln kann. Das Heim vom Krieg? Ich bitte dich! Hier ist es so wundervoll und … wahrscheinlich ist es eh nur eine Entwicklungsphase. Genauso wie damals, als Janek mal ganz still für ein paar Wochen wurde, nur um danach einen lebendigen Wasserfall nachzuahmen. Ich will hier nicht weg!“

„Wir ziehen weg?“, meldete sich plötzlich ihr Sohn von der Tür, „Aber hier doch toll …“

Er gähnte ausführlich und sofort war Selina bei ihm.

„Nicht doch. Wir bleiben hier, hörst du? Hier geht es dir gut. Egal, was passiert, ich werde deine Gesundheit nicht auf die Probe stellen, hörst du?“

Janek nickte und gähnte erneut. Seine Augen fielen nun endlich auf Thomas. Der Blick des Kindes klärte sich und keinen Augenblick später hielt der Vater seinen Sohn in den Armen.

„Papa! Du bist wieder da! Bleibst du nun ganz lange? Mama hat gesagt, dass auch Oma und Opa kommen werden, wenn du wieder da bist. Hast du sie mitgebracht? Ja? Ich habe dich total vermisst!“, überschwänglich umarmte Janek ihn und Thomas hätte nicht glücklicher sein können.

„Oma und Opa kommen erst übermorgen“, erklärte er seinem Sohn, „Aber solltest du nicht im Bett sein? Es ist weit nach Mitternacht, mein kleiner Fratz!“

Er strich über Janeks Nacken und beobachtete belustigt, wie der Junge zusammenzuckte. Ein Lachen entkam dem Winzling und zufrieden drückte er ihn näher an sich.

An Schlafen wäre gerade eh nicht zu denken.

„Borei hat mich wachgemacht, als du kamst. Damit ich hallo sagen kann!“, erklärte das Kind nun, „Er ist voll nett und hat gemeint, dass Usagi sicherlich so viel zu tun hätte. Deswegen konnte sie nicht vorbeikommen. Aber er würde auch mal Shizen rumschicken. Und dann können wir alle zusammen spielen!“

Jegliche Leichtigkeit verschwand aus seinem Herzen, als er den Worten lauschte. Thomas musste sich regelrecht auf die Zunge beißen, um zu schweigen. Unruhig sah er zu Selina, die sachte mit den Schultern zuckte. Eine minimale Geste, die keinem außer ihm je aufgefallen wäre.

„Sag mal, Janek … Kannst du uns kurz helfen?“, begann Thomas sachte.

„Klar doch! Wobei? Oh! Legen wir draußen noch ein Beet für Oma an? Das letzte hat total viel Spaß gemacht!“

„Nicht ganz …“, Thomas legte den Kopf schief, „Es ist viel eher so dass … Deine Mom und ich, wir würden gerne diesen Shizen und Usagi und … Borei kennenlernen. Könntest du uns bitte einander vorstellen?“

Er wusste nicht, welche Reaktion er von seinem Sohn erwartete. Er wusste nicht, was er befürchtete, was er erhoffte. Aber dieser Blick …

Für einen winzigen Augenblick schien das Gesicht seines Sohnes um mehrere Jahrhunderte zu altern. Die Augen fühlten sich so allwissend an. Es war, als hätte sich eine Erkenntnis aufgetan, die sonst jedem anderen Menschen verwehrt bliebe. Eine Art Erleuchtung?

Thomas wusste es nicht.

Und noch viel wichtiger: Er wollte es auch nicht wissen!

Dann war der Moment plötzlich wieder verstrichen und die Seelenspiegel seines Kindes glänzten wieder mit der gesamten Unschuld der Welt.

„Das wäre wundervoll!“, Janek sprang auf und zerrte seinen Dad dabei mit vom Bett, „Kommst du? Kommst du? Borei ist sicherlich noch da! Dann sagen wir ihm gemeinsam hallo, ja?“

Verdattert ließ er sich von seinen Sohn auf den Flur führen. Er glaubte ein paar leuchtend rote Punkte aus dem Augenwinkel zu erblicken. Doch als er genauer hinsah, schaute nur sein Spiegelbild aus einer Fensterscheibe zurück.

Er schluckte.

Dieses Haus war Thomas nicht geheuer. Es fühlte sich so falsch an. So missmutig. So … hatten sie sich ausreichend über die Geschichte des Gebäudes erkundigt? Nicht, dass hier mal jemand gestorben war!

Schon seit frühster Kindheit kam Thomas nicht mit Geistergeschichten klar. Wenn er nun also in einem Horrorhaus wohnen müsste …

„Borei?“, rief Janek in sein dunkles Zimmer herein, „Bist du da?“

Es war stockfinster.

Der Vater schluckte und klammerte sich fester an die Hand seines Sohnes: „Sag mal … Warum ist denn dein Nachtlicht aus? Ist es kaputt?“

„Kaputt? Nein“, Janek führte tiefer in das Zimmer, tiefer in die Finsternis, „Es war so grell, da habe ich es ausgemacht.“

 „Aha …“

Das war definitiv nicht die Antwort, die Thomas hören wollte. Schon gar nicht in einem Moment, in dem ihn die Angst fest umklammert hielt. Am liebsten wollte er seinen Sohn und Selina packen und fliehen! Einfach nur we-

„Dad? Borei ist wohl weg …“, Janek klang enttäuscht, „Willst du auch hier weg?“

„Mir ist … Mir ist etwas unwohl hier. Ja“, gab er langsam zu, als eine neue Furcht in ihm aufstieg.

Ein Teil von ihm wollte zurück zu Selina und sein Kind hier zurücklassen. Ein anderer Teil von ihm schämte sich dieses Gedankens und wollte den Kleinen ganz fest an sich drücken. Gefangen zwischen den Gegensätzen stand Thomas einfach nur da. Wie erstarrt.

„Aber hier ist Zuhause. Ich … wir müssen hierbleiben“, murmelte Janek ganz leise, „Hierbleiben, sonst …“, die kleine Hand zitterte.

Thomas atmete tief durch. Die Gerüche des Waldes drangen durch das offene Fenster ins Haus. Er roch die harzenden Kiefern des Mischwaldes vermischt mit den seichten Düften des Hauses. Sie waren irgendwie alt, aber nicht staubig. Eher … weise?

Allmählich machten seine Augen die Schemen des Zimmers aus. Das Bett. Den Tisch. Zwei kleine Schränke. Eine Spielzeugbox, die noch aus seiner eigenen Kindheit stammte. Auf dem Bett schien ein großes Plüschtier zu sitzen. Wahrscheinlich dieser riesige Affe, den Selina vor all den Jahren für Janeks Geburt gekauft hatte.

„Sonst was?“, fragte er wie in Trance nach, obwohl er gedanklich gar nicht mehr bei dem Gespräch war.

„Sonst tot … Tod nicht schön“, murmelte Janek ganz leise und sofort wirbelte Thomas Kopf herum.

„Bitte was?“

„Sonst tot“, wiederholte der Junge sicher, „Aber der Tod ist … Neustart. Rest Weg. Alles auf null. Zurückkommen klappt nicht immer schnell genug. Aber es ist nötig. Nötig. Immer nötig.“

Die Worte ergaben im Kopf des Vaters noch weniger Sinn, als er zugeben wollte. Er kniete sich zu seinem Sohn herab. Sodass er mit ihm auf einer Augenhöhe war.

„Niemand wird sterben, Janek. Es ist alles gut. Du musst nich-“

„Lügner“, das Wort war so leise gesprochen, dass Thomas beinahe nicht einmal Janeks Stimme wiedererkannt hätte.

„Bitte?“

„Lügner“, diesmal klang es lauter durch das dunkle Zimmer, „Wir müssen alle einmal sterben. Das weiß ich schon. Es sterben tagtäglich Leute. Menschen und Tiere gleichermaßen. Tod und Geburt gehören beide zum Leben, wie das Leben zum-“, er brach ab und schüttelte sich, „Ich will noch nicht sterben. Ich muss hierbleiben. Bitte. Vater …“

Seufzend strich Thomas mit seiner freien Hand über die Schulter seines Sohnes. Sein Sohn. Wie sehr er ihn liebte. Wie sehr er für ihn da sein wollte.

Und wie sehr diese Worte schmerzten.

„Aber hier geht es dir gut?“, fragte er nach, „Hier glaubst du, nicht zu sterben?“

„Nicht zu früh zu sterben“, bestätigte Janek ihm, „Hier … gesünder …“

Thomas sah nochmal durch das Zimmer. Dann seufzte er. Er sperrte seine Angst aus seinem Herzen. Atmete tief durch. Setzte seinen Sohn auf das leere Bett.

„Ist gut. Dann bleiben wir hier, ja?“

Denn auch wenn es ihm nicht gefiel – für seinen Sohn würde er alles tun.

Alles.

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