C: Traumplagen I

Chem Wak sprang auf. Sein Herzschlag pochte wild durch seine Ohren. Sein stockender Atem kam keuchend und malte kleine Wölkchen in die eisige Luft. Seine zittrigen Hände versuchten, sich an seiner Matratze festzukrallen, ohne etwas greifen zu können. Und sein Pyjama klebte wie zäher Harz an seinem Körper.

Angestrengt schloss er die Augen und begann zu zählen.

Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf …

Erst als er hundert erreicht hatte, konnte er seine Hände wieder ruhig auf seinen Schenkeln ablegen. Jedoch dauerte es nochmal so lange, ehe sich auch Atem und Puls allmählich verlangsamten.

Müde suchten seine Augen die leuchtenden Zahlen seines Weckers auf. Halb zwei. Nun, zumindest konnte er die Uhr nach ihnen stellen. Denn wenn sie kamen, dann nervten sie ihn immer um dieselbe Uhrzeit. Wie ein tickendes Uhrwerk. Wenn er nun noch wissen würde, nach welchem Muster die Tage erfolgten, in denen ihm die Träume aufgezwungen wurden, könnte er sich vielleicht wirklich mal darauf vorbereiten. Oder die Nacht einfach durchmachen?

Seufzend schob Chem Wak sich aus dem Bett und watschelte zu seinem Kleiderschrank herüber. Kleiderschrank. Ha! Dort wo er herkam, hätte keiner ein Möbelstück für Kleidung gebraucht! Warum konnte man nicht die Anziehsachen, die man tagsüber trug, nochmal nachts tragen? Und dann wieder am nächsten Tag? Und dann nochmal. Und nochmal und nochmal und …

Nein. Hier wollten die Leute immer unterschiedliche Anziehsachen sehen. Unterschiedliche Krawatten. Unterschiedliche Sakkos. Unterschiedliche Schuhe. Unterschiedliche Hosen … Manche Dinge wurden nur auswärts getragen. Manche nur in seinen eigenen vier Wänden. Manche gab es nur zu bestimmten Jahreszeiten. Manche zu bestimmten Tageszeiten.

Mit sicheren Fingern schälte er sich aus dem Pyjama. Ein Kleidungsstück, dass dem nächtlichen Gebrauch vorbehalten war. Oder den Krankheiten. Also, wenn man körperlich krank war. Von den seelischen Krankheiten kannten die Leute in dieser Welt nur einen Bruchteil.

Liliths Welt war ohnehin seltsam. Er verstand nicht, wie sie so … so … verständnisvoll und mitfühlend sein konnte, wenn ihre Mitmenschen hier-

Die Bilder aus seinem Traum sprangen ihm wieder in den Sinn und sofort presste Chem Wak die Augen zusammen.

Nein. Nein. Nein. Er durfte nicht darüber nachdenken! Er durfte sich nicht finden lassen! Er musste noch ausharren. Egal, welcher Hoffnungsfunken oder welche Wutlawine ihn auch zu überrollen versuchten – er durfte nicht antworten! Sonst würde er noch sein Versprechen brechen …

Nachdenklich beäugte Chem Wak sich im Spiegel. Seine Haare waren nass. Wahrscheinlich vom Schweiß. Und die Spuren neben seinen Augen, die Flüssigkeit …

Das nannte man hier Tränen, oder? Er hatte geweint?

Vorsichtig fischte er einen der Tropfen auf seinen linken Zeigefinger und betrachtete ihn. Er war so klar. So … emotional …

Und dabei wurde Chem Wak doch von klein auf eingebläut, dass Emotionen Schwäche wären. Dass er sie nicht zulassen dürfe. Dass er mit ihnen nicht mehr objektiv bleiben könne. Dass sie ihn vereinnahmen würden …

Sie würden ihn auffressen …

Aber hier knabberte nichts an ihm. Chem Wak stand einzig da und starrte auf die kleine Träne, die sein Auge vergossen hatte.

Sie war so klein …

Abrupt wandte er sich ab und kletterte in die Dusche. Wenn er zu lange über die Träne nachdachte, würde er erst recht emotional werden. Und wenn seine Ordensbrüder ihn bereits suchten, könnten sie ihn so vielleicht finden. Immerhin wusste Chem Wak ja nicht, wer von ihnen diesen Ort durchkämmte.

Aber mindestens einer von ihnen musste sein Augenmerk auf diese Welt gerichtet haben. Anders konnte er sich seinen Traum nicht erklären. Er war zu sehr aus dem Nichts gekommen! Remington hatte vor ihm gestanden. Das gehörnte Wesen hatte ihn in Grund und Boden gestarrt. Jemand war im Hintergrund langgeschlichen. Ein kleines Mädchen mit grünlicher Haut. Wahrscheinlich Myra. Sie hatte gezittert und war so gebückt gelaufen … Beide hatten so angeschlagen ausgesehen. Ihre Umgebung war ramponiert gewesen. Der aufgemalte Zirkel vor ihnen trug einen fetten Riss …

Aber es war nicht der echte gewesen. So viel wusste Chem Wak. Den echten hatten sie damals an eine Wand im Keller zeichnen müssen, weil auf dem Boden nicht genug Platz gewesen war. Er musste mit Ketten versehen werden. Großen, stabilen Gliedern, die ihre Spuren am Rand hinterließen.

Der Zirkel aus seinem Traum hingegen war Teil eines oberen Stockwerks gewesen. Rings herum lagen Felle und Matten aus Stroh. Es wirkte, wie der Ort, den sie damals über dem Zirkel ausgebaut hatten und da seine Träume immer Wahrheiten enthielten …

Ob es ihnen gutging? Ob alle in Sicherheit waren? Ob sie weiterhin in Unwissenheit ausharren könnten? Ob sie keine Dummheiten begangen? Ob sie-

Seine Pranke von einer Hand legte sich auf die Kette, die er Tag und Nacht trug. Chem Wak spürte die dreizehn Zacken des Anhängers unter seinen Fingern. Das Original vom Zirkel … Wie hatte Lilith ihn damals genannt? Einen Stern?

Ja … Konnte sein …

Er schloss die Augen und ließ einige Worte in seiner Muttersprache über seine Zunge tanzen. Sie klangen fremd in seinen Ohren. Zu stockend. Diese Zunge war die gurgelnden Klänge nicht gewöhnt. Ob seine Ordensbrüder ihn außerhalb von Zuhause überhaupt verstehen würden?

Ob er verstanden werden wollte?

Seufzend drehte Chem Wak das Wasser der Dusche an und ließ das kalte Nass auf seinen Körper prasseln. All diese Tropfen, die seiner Träne so ähnlich sahen, schlugen und hämmerten beständig auf ihn ein.

Es fühlte sich wie eine Bestrafung an. Wie eine Bestrafung, nach der er sich sehnte. Die er jeden Tag bereitwillig annehmen würde!

Wieso versagte er nur immer wieder? Erst hatte er seine Ordensbrüder enttäuscht. Dann seinen Freund und seine Schülerin. Danach den alten Alov und Lilith …

Immer stand er am Ende allein da.

Es war zum verrückt werden!

„Würdest du dir auch Vorwürfe wegen Myra machen, wenn du dich erinnern könntest?“, fragte er die Wassertropfen, wenngleich sich seine Worte an jemand Anderen richteten.

Erschrocken ließ Chem Wak vom Anhänger ab. Hatte er gerade seine Essenz in die Worte gepackt? Er hoffte nicht! Wenn, dann … Nein! Er wollte keine Träume verursachen! Zumindest keine, die sich auf ihre Welt bezogen! Wer wusste schon, ob diese Informationen nicht in falsche Hände geraten würden?!

„Ich bin so bescheuert“, schimpfte er vor sich hin und drehte das Wasser aus, „So dämlich und bescheuert und-“

„Danke. Manchmal wünschte ich, du wärst mein Vater gewesen, Chemchen.“

Die Worte sprangen ungefragt durch seinen Kopf und erschrocken blieb er stehen. Er atmete tief durch. Zwang die Erinnerung fort. Zwang die Gefühle fort. Zwang die Vergangenheit fort.

Aber es wollte nicht klappen.

„Nein. Das würdest du dir nicht wünschen, Kleines“, murmelte er still vor sich hin, „Das würde sich keiner wünschen. Ich bin nicht … Ich bin nicht verantwortungsbewusst genug.“

Die Antwort blieb natürlich aus.

Müde watschelte Chem Wak zurück ins Schlafzimmer und starrte erneut auf den Wecker.

Kurz vor zwei.

Schlafen könnte er nicht mehr. Was die Visionen nicht geschafft hatten, hatte das Echo vollbracht. Wenn er nun einschlief, hätte er keine Kontrolle mehr über seine Emotionen. Dann würden die Schuldgefühle ihn übermannen und verraten.

Erschöpft zog er sich an und besorgte sich ein kleines Frühstück aus der Küche.

Vielleicht könnte er ja an seinen Bildern weiterarbeiten? Er hatte bemerkt, dass ihm das Malen lag. Es entspannte ihn. Und wenn er nun schon einmal wach war …

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