Fujis endloser Morgen

Mittlerweile hasste Fuji den Morgen.

Erschöpft flog die kleine Wolke dem dämmernden Horizont entgegen. Seine Augen fokussierten sich auf einen kleinen Fleck in der Ferne. Dort hinten, dort konnte er schon ihren Schimmer ausmachen. Genau dort hinten würde Sabine erneut erscheinen.

Und sie würde sich wieder an nichts erinnern.

Betrübt blieb die kleine Wolke stehen und atmete tief durch.

Nein. So durfte er nicht an die Sache herangehen! Er durfte es nicht! Er musste sich zusammenreißen! Für sie. Für die Sonne. Für seine Sabine!

Sie war doch seine Freundin …

Ein stilles Kichern erreichte seine Ohren und langsam tanzten ihre ersten Strahlen über die Berge im Osten. Fuji konnte ihre Wärme spüren. Diese Hitze, die nur sie zu teilen vermochte. Ihr Licht war so viel herzlicher und angenehmer, als das der Sterne.

Denn die Sterne waren kalt. Die Sterne waren weit weg. Die Sterne waren Lügner!

Fuji hasste jede Nacht, in der er den Sternen begegnen musste!

Abgrundtiefer Zorn machte sich in ihm breit und genervt sah Fuji fort von ihr. Er betrachtete den düsteren Teil des Horizontes. Der, an dem die Sterne nun verschwanden.

Er wusste, dass Sabine bereits über die Berggipfel hinter ihm schielte. Er spürte sie. Er konnte sie hören. Gleich würde sie wieder davon singen, dass sie so weit oben wäre. Dass sie die Größte wäre. Dass sie … sie …

Sie blieb nie lange die Größte.

Und sie wusste sich nie lange auf ihn einzulassen.

Sie … Sie vergaß ihn jede Nacht aufs Neue.

Erschrocken verlor er einige Regentropfen und spürte, wie mit ihnen auch ein Teil von ihm verschwand. Nein! Das durfte er nicht zulassen! Er durfte sich nicht auflösen! Wenn er sich auflösen würde, dann wäre niemand mehr da, der sich um seine Sabine kümmern könnte! Sie wäre allein. Allein. Allein in dieser großen, weiten und vor allem sonst kalten Welt!

Jede Wärme ging doch von Sabine aus …

Hastig drehte er sich um und starrte in das Gesicht der jungen Sonne. Aufgeregt hüpfte sie umher. Sie sang und sprang und tanzte und-

Sie sah so glücklich aus.

Ob das ihrer Naivität geschuldet war? Sah sie nur so glücklich aus, weil sie die Wahrheit nicht kannte? Wenn ja … Das war nicht richtig so! Das war nicht-

„Schaut mal! Ich steige immer höher und höher und höher! Ich bin die Grö-Grö-Größte!“, kicherte sie über das Himmelszelt.

Fuji lächelte stumm.

Ja. Seine Sonne war die Größte. Sie war die Größte und Schönste und Ehrlichste und …

Sie erinnerte sich nicht an ihn.

„Bedeute ich dir denn nichts?“, entkamen ihm die flüsternden Worte, als er sie beobachtete, „Oder warum vergisst du mich jede Nacht aufs Neue? Bin ich denn so unbedeutend? So … So …“

Die Worte blieben Fuji ihm Halse stecken. Es war, als wäre die Sonne jeden Morgen nur ein weiterer Schatten ihrer selbst. Als wäre sie nicht mehr als eine verblasste Erinnerung. Ein längst vergessener Traum, den keiner je wiederfinden könnte …

Sie wirkte nicht mehr wie das Wesen, dem er so lange nachgejagt war, weil er … weil er …

Wie hatten sie sich noch einmal angefreundet? Wie hatten sie sich das erste Mal getroffen? Er wusste noch, dass ihre erste Begegnung unter keinem guten Stern stand. Ja. Sie war alt und griesgrämig gewesen. Deswegen hatte er die Liebe und Zuneigung der Welt in den Sternen gesucht.

Fuji hatte die Intentionen der Sterne nie in Frage gestellt … Er hatte ihnen aus der Hand gefressen! Er hatte die Sonne einzig beobachtet, wie ein totes Objekt. Er hatte über Jahre nicht das Gespräch mit ihr gesucht, weil er … weil er …

Warum eigentlich?

Egal. Welcher Grund es auch gewesen sein musste: Fuji war ihr ein schlechter Freund.

Die kleine Wolke sah zu der Sonne zurück, die sich mittlerweile ihrem Zenit näherte. Er dachte an die schönen Momente zurück, die er mit ihr geteilt hatte. Er dachte an all die Erinnerungen zurück, die ihm nun so entfernt vorkamen. Er dachte an die Sonne, die … die …

Es war, als wäre seine Freundin von damals to-

Nein.

So durfte er nicht denken!

Er sah, wie sie noch freudig an ihrem Zenit herumhopste. Und für diesen einen Moment, empfand er eine traurige Freude über ihr glückliches Gesicht. Über diese kindlichen Züge, die allmählich verblassten …

Heute würde er ihr die Glückseligkeit des Vergessens zugestehen. Er würde ihr ihre Strahlen nicht nehmen. Er würde Kräfte sammeln.

Denn Morgen wäre ein weiterer endloser Morgen. Genau wie der heutige. Und Morgen würde er ihr wieder helfen!

Denn vergessen bedeutete nicht verstorben. Genau! Er musste sich besinnen! Er musste sich zusammenreißen!

Und er musste seiner Freundin helfen …

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