C: Kritz, kritz, kratz

„Sie hat behauptet, dass irgendein komischer Typ sie gerettet hätte. Aber keiner will ihn gesehen haben.“

„Wenn du mich fragst, war Doppelzopf doch schon immer etwas eigenartig. Wahrscheinlich hat sie sich die Story nur ausgedacht.“

Kritz, kritz.

„Glaub ich auch! Tims Oma soll mit ihr im Bus gewesen sein und sie schwört felsenfest, dass Liane alleine ausgestiegen wäre!“

„Tim selbst ist halb blind. Wie viel kann da schon die alte Schnepfe sehen?“

Kritz, kritz.

„Ist doch egal, wie viel die Alte sehen kann. Fakt ist, dass nichts zu stimmen scheint. Ich sag dir, das sind alles nur dumme Märchen, damit Liane sich wichtig vorkommen kann!“

Kritz, kritz.

Liane sah nicht hoch. Stattdessen tat sie weiterhin so, als würde sie lernen. Sie kannte die Geschichten ihrer Klassenkameraden zur Genüge. Und wenn sie von dem neuen Job ihres Vaters wüssten und ihre restlichen Umstände kannten, würden sie sich wahrscheinlich noch mehr Albernheiten ausdenken.

Seufzend blätterte sie durch ihr Physikbuch und ließ ihren Bleistift gedankenverloren über eine leere Seite ihres Hefters gleiten. Das stetige kritz, kritz beruhigte sie. Es half ihr dabei, sich nichts anmerken zu lassen. Es half ihr, nicht auf die anderen einzugehen.

„Janina aus der Parallelklasse war ja mit ihr in einem Kindergarten. Sie hat mir gestern erzählt, dass Liane schon damals einen an der Klatsche hatte.“

„Was meinst du?“

Die Stimmen senkten sich, dennoch hörte Liane jedes Wort.

„Sie soll seltsame Geschichten erzählt haben. Über einen Teufel und-“

Krit-knack!

Irritiert blickte Liane auf die abgebrochene Miene ihres Stiftes. Sie beäugte das eingedrückte Papier für einen Augenblick. Starrte auf die Zeichnung. Schloss den Hefter und bemerkte die Delle im Tisch, die zuvor noch nicht dort gewesen war.

Ängstlich starrten ihre Mitschüler zu ihr herüber.

„Alles in Ordnung?“, erwiderte Liane den Blicken daher.

Erschrocken schüttelten einige die Köpfe, während andere irritiert nickten. Sie schienen sich nicht einig werden zu können. Genauso wie der Unsinn, den sie über ihr Leben verbreiteten.

„Wenn wir dich-“

Liane ignorierte den Olivenzweig ihrer Mitschülerin und verließ wortlos das Klassenzimmer. Die Pause würde sich eh noch hinziehen. Keiner würde sie vermissen. Warum sollten sie auch? Nun könnten sie sich ja ungestörter unterhalten! Sie konnten lästern und geiern und-

Ihre rechte Hand kratzte an ihrem Dekolleté. Sie fühlte sich, als würde ihr dort etwas fehlen. Etwas, was sie dort doch haben müsste, weil, weil …

Sie wusste es nicht mehr.

Ein paar ihrer Mitschüler kamen ihr auf dem Gang entgegen und eilig ließ sie ihre Hand sinken.

Ihre Gedanken wanderten zu dem Wort zurück, das sie so wütend gemacht hatte. Das Wort, das für so vieles verantwortlich war. Einst hatte sie sich so sehr mit ihrem Vater darüber gestritten, dass dieses einfache Wort immer noch wehtat.

Teufel.

Nein. Sie hatte nicht von einem Teufel geträumt. Ein Bulle hatte auch Hörner und wurde nicht gleich als Satan betitelt. Und genauso verhielt es sich mit dem Wesen, dem sie im Traum begegnet war. Er war kein Teufel. Er konnte kein Teufel sein. Er war nicht schlecht gewesen. Nicht böse. Er war-

„Ein Hirngespinst“, murmelte Liane die Worte, die ihr so oft in den Mund gelegt wurden und die sich immer noch nicht richtig anfühlten.

Ihre Augen wanderten zum Fenster. Sie starrte hinaus auf die weiße Welt. Der Winter hatte sein Kleid über den Schulhof geworfen und unerschütterlich ließ er die Flocken vom Himmel tanzen.

Ein Anblick, bei dem Liane unwohl wurde.

Ein Frösteln fuhr über ihre Arme. Sie spürte, wie ihr übel wurde. Wie sie doch weg wollte. Wie ihre Mitschüler sie an ihre Grenzen trieben. Sie mobbten sie zwar nicht, aber die getuschelten Gespräche über sie, machten ihr zu schaffen. Sie lechzten an ihren Kräften. Sie raubten ihr den Willen.

Vielleicht sollte sie sich einfach nach Hause schicken lassen? Ihr ging es gewiss nicht gut. Aber dann würde ihr Vater bestimmt heimkommen, um sie gesund zu pflegen. Und sie brauchten seinen neuen Job, da sie sich ansonsten nicht mehr die neue Wohnung leisten könnten, in die sie nach der Gasexplosion gezogen waren.

Nein. Sie müsste wohl oder übel durch ihren Alltag durch. Sie musste eine sture Miene aufsetzen. So schwer würde es ihr schon nicht fallen. Immerhin hatte sie bereits ganz andere Sachen bewältigt bekom-

Nein. Doch. Moment. Hatte sie?

Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Füße sie auf den Schulhof getragen hatten. Wann war sie vom Fenster weggegangen? Wann war sie die drei Stockwerke herabgestiegen? War sie so vertieft in ihre Gedanken gewesen, dass ihr das alles gar nicht aufgefallen war?

Die Flocken ließen sich auf ihren geflochtenen Zöpfen nieder. Eine Frisur, die sie seit Ewigkeiten so trug. Die sich richtig anfühlte. Die so altmodisch zwischen ihren Klassenkameraden wirkte.

Nachdenklich strichen ihre Finger über die Verflechtungen.

Dann fröstelte sie und wandte sich abrupt ab. Liane starrte zum Schulhaus zurück. Mit Schrecken wurde ihr bewusst, dass keiner mehr auf den Gängen unterwegs war. Alle Schüler saßen artig an ihren Tischen. Vereinzelt meldeten sich welche. Die Lehrer jedoch standen vor den Tafeln. Sie schritten auf und ab. Wedelten mit den Armen herum. Beobachteten die Teenager.

„Mist, Mist, Mist“, murmelte sie, als sie ins Haus zurückstürzte.

Warum hatte sie den Schulgong nicht vernommen? Das war doch nicht normal! Nun hätten ihre Mitschüler einen weiteren Grund, um hinter ihrem Rücken zu lästern! Das konnte ja nur noch besser werden …

„Entschuldigen Sie die Verspätung“, bemerkte sie mit ihrem Eintritt ins Klassenzimmer.

„Du kommst genau richtig“, ihr Physiklehrer, ein sehr großer und dürrer Mann mittleren Alters deutete auf ihren Platz, „Zettel raus, Name rauf, Test!“

Die donnernde Stimme zog flehendes Gemurmel nach sich. Liane ignorierte ihre Klassenkameraden. Diejenigen, die sich am lautesten beschwerten, hatten eh die meisten Spicker vorbereitet.

Hastig nahm sie sich einen Stift und riss einen Zettel aus ihrem Hefter.

Ein Stern starrte sie an. Ein Stern mit dreizehn Zacken und einem Kreis in der Mitte. Die Zeichnung war so oft darauf geschmiert worden, dass das Papier an den bemalten Stellen zum Zerreißen dünn war.

Liane zuckte zusammen.

Sie riss den nächsten Zettel hervor. Und noch einen. Und noch einen.

Auf allen hatte sie dasselbe gekritzelt. Auf allen war dasselbe Zeichen. Derselbe gedankenverlorene Stern.

Warum? Wie hatte sich dieses Symbol nur so stark in ihrem Kopf verwurzeln können? Wo kam es her? Wieso bekam sie es nicht mehr aus ihren Gedanken? Wieso-

„Gibt es ein Problem?“

Ihr Physiklehrer stand vor ihr. Er hielt einen ihrer Zettel in seinen Händen. Alle anderen betrachteten sie neugierig und Liane konnte nur mit dem Kopf schütteln. Tränen wollten sich aus ihren Augen quetschen. Tränen, von denen sie nicht wusste, wo sie herkamen.

„Ich weiß es nicht“, antwortete sie heiser.

Ihre Stimme fühlte sich so erschöpft an.

Ein kratzendes Geräusch ließ sie auf ihre Hand starren.

Ihre Hand, die plötzlich einen Stift umklammerte.

Ihre Hand, die einen weiteren Stern auf den Tisch malte.

Kritz, kritz, kratz.

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