C: Glück im Unglück im Glück?

Er band sich seine Krawatte zurecht. Kein Kleidungsstück, das er mit Freuden trug. Es würgte ihn zu sehr. Es erstickte jedes Freiheitsgefühl im Keim. Und es zwang ihm eine weitere Verkleidung auf… Jedoch musste Chem Wak sich mittlerweile damit abfinden. Immerhin erleichterte es sein Leben ungemein.

Seufzend zerrte er seinen Anzug zurecht. Ein aussichtsloser Kampf, wenn er seine Gestalt im Spiegel betrachtete. Ein Fremder schaute zurück. Begegnete seinem Blick. Sah verloren-

Sofort wandte Chem Wak sich ab.

Irgendwie hatte sein Körper entschlossen, lieber in die Breite als in die Höhe zu wachsen. Wahrscheinlich würde kein einziges Lebewesen ihn hierzulande als schön empfinden. Viele schauten sogar an ihm vorbei, ehe sie realisierten, dass der fette, kleine Mann etwas von ihnen wollte. Dann verzogen sich ihre Mienen häufig in ein dünnes Lächeln. Ihre Füße neigten sich dem nächsten Ausgang entgegen. Ihre Ausreden bekamen einen neuen Sinn für Humor.

Doch störte es Chem Wak nicht.

Sein Körper war so, wie er sein sollte. Nicht mehr und nicht weniger. Er hatte zwei Arme, zwei Beine, dunkle Augen, kurze Haare, keine Schuppen auf der Haut-

Ja. Im Wesentlichen sah er genauso aus, wie die anderen dort draußen. Jedoch ahnten viele, dass er anders als sie war, wenn sie zu viel Zeit mit ihm verbrachten. Deswegen begann er keine Liebesbeziehungen. Deswegen pflegte er keine Freundschaften. Es waren stumme Regeln geworden, die er Tag für Tag verfolgte. Er existierte nur, um seiner Pflicht nachzukommen.

Das Telefon klingelte einmal.

Gelassen griff er nach seiner Aktentasche und verließ das Haus. Es war nicht immer so leicht gewesen, sich in diesem Leben zurechtzufinden. Ursprünglich hatte er keinen Anschluss gefunden. Er wusste nicht, wie er seinen eigenen Lebensunterhalt erarbeiten sollte. Er war kein Arbeiter. Er war kein Muskelmann. Er war kein Bürotier. Und er war auf keinen Fall einer dieser unmotivierten Kassierer oder Verkäufer, die nur die Albernheiten des Alltags unter die Leute brachten. Schon in dieser Schule hatte Chem Wak Probleme gehabt, überhaupt hinterherzukommen. Das vermittelte Wissen war… katastrophal. Nichts davon half ihm beim Lösen seiner Probleme. Und die Hälfte von dem Gesagten stand im Widerspruch zu dem Wissen, das er bereits besaß.

Ha! Wie sollte es nur eine Sonne am Himmel geben? Wie sollte man Sprachen erlernen können? Wie sollte kein Lebewesen eine Essenz besitzen? Wie konnten diese Leute nur so unwissend sein! Diese Welt war so materialistisch aufgebaut, wie das Problem, das sie vor über einem Jahrzehnt erzeugt hatte.

Vor über einem Jahrzehnt nach dieser Welt wohlgemerkt.

Chem Wak schloss die Tür hinter sich. Bilder tauchten vor seinem inneren Auge auf. Er überdachte sie. Wandte sich ab. Ließ die Tür unverschlossen zurück, während er zum Wagen ging.

„Mr. Belial“, grüßte ihn der Fahrer.

Chem Wak nickte ihm zu. Der Mann holte ihn nun schon seit mehreren Jahren morgens und abends ab. Dennoch versuchte er, so wenig wie möglich mit ihm zu kommunizieren. Er war immerhin nur ein Hilfsmittel. Ein Hilfsmittel, das er einzig bezahlte, weil er selbst niemals eine dieser Karosserien lenken könnte.

Sein Blick glitt aus dem Fenster. Er beobachtete das Haus gegenüber. Den vorbeiziehenden Bürgersteig. Die nächsten Ampelkreuzungen. Er sah aus dem Fenster und wartete. Er wartete auf die Eingebung, die nicht ausblieb. Die ihm half, zu entscheiden.

„Drehen Sie eine Runde und kehren Sie um. Lassen Sie sich mindestens zehn Minuten Zeit“, trug er seinem Fahrer auf, ehe er sich zurücklehnte.

Dann griff Chem Wak nach dem Handy in seiner Tasche. Wenn er den heutigen Tag bereits verschwenden musste, so wollte er wenigstens vorher noch den wichtigsten Teil seiner Arbeit erledigen. Er rief seine Mittelmänner an. Ließ sie Gebote abgeben. Ließ sie andere annehmen. Ließ sie in seinem Namen verkaufen, was in wenigen Stunden an Wert verlieren würde. Ein Alltag, den er täglich abzuwickeln wusste.

Der Einstieg war nicht leicht gewesen. Vor allem weil seine Präsenz häufig an jenen Orten verlangt wurde, an denen sich der Großteil der Aktienverkäufe und Auktionen zutrug. Deswegen brauchte er auch jedes Mal dieses alberne Kostüm. Deswegen musste er das Haus verlassen. Deswegen und wegen dem Versprechen, das er einzuhalten gedachte…

Seitdem das Geschäft jedoch lief, gab es kein Zurück mehr. Seitdem ging es nur noch darum, sein Gesicht aus den Medien zu halten. Seitdem musste er nur die Balance wahren. Er wollte anonym bleiben, damit ihn niemand zu sehr beobachtete. Er wollte, nein, er musste seine Identität schützen, damit keiner auf die Idee kam, Nachforschungen anzustellen. Damit keiner ihn mit seiner anderen Tätigkeit in Verbindung brachte.

Als sein Fahrer wieder in die Straße einbog, in der Chem Waks Haus stand, war dieser bereits dabei, einen Einbruch zu melden. Er wusste, wen die Polizisten in seiner Wohnung antreffen würden. Er wusste, dass der unbefugte Besucher die Tür aufgebrochen hätte, um hinein zu gelangen, wenn er sie nicht offengelassen hätte.

Und er wusste, dass sich dieser zu der Tat genötigt fühlte – dass er keinen anderen Ausweg aus den Geldsorgen seiner Mutter sah.

Geld.

Geld war ein so seltsames Konzept für Chem Wak. Wenn es nach ihm ginge, hätte er seine Fähigkeiten nie dazu missbraucht, um sich ein paar Papierscheine und Metallscheibchen anzueignen. Das Zeug war ihm gleich. Jedoch war diese Welt vom Scheitel bis zur Sohle auf ein kapitalistisches System aufgebaut. Und als dessen Gast musste er sich diesem zweifelsfrei unterwerfen.  

Alles nur, um die richtigen Ressourcen zur Verfügung haben. Alles nur, um sein Versprechen einzuhalten. Alles nur, für die Freunde, die ihn so wie er war akzeptiert hatten.

Für sie verstellte er sich nun. Schon seltsam.

„Möchten Sie nicht aussteigen?“, fragte ihn sein Fahrer, als die Polizisten eintrafen und den Nachbarsjungen in Gewahrsam nahmen.

Chem Wak beobachtete alles aus sicherer Entfernung. Er musterte die fremden Personen eindringlich. Ließ sich von seinen Eindrücken leiten. Schlüpfte mit seiner Hand unter sein Hemd. Umklammerte-

Eilig ließ er von ihrem Anhänger ab. Er schüttelte sich. Tauchte in die Zukunftsvisionen ein, die keiner außer ihm zu sehen vermochte. Er überlegte, ob er dem Jungen helfen sollte. Ob es die Sache Wert war. Ob es das Risiko Wert wäre.

Lang vergessene Worte des Dankes schlichen durch seinen Kopf. Sie hatten ihm so viel Liebe entgegengebracht. So viel Hoffnungen in ihn gesetzt. So viel-

Er war ausgestiegen, noch ehe er es sich anders überlegen konnte.

„Gibt es ein Problem?“, fragte Chem Wak mit der Ahnungslosigkeit eines Kindes, während er sich den Beamten näherte.

Der Junge zuckte zusammen. Seine Form schrumpfte. Angespannt schob er sich hinter einen der Uniformierten. Die Polizisten allerdings blinzelten den dicken Krawattenmann an. Der eine, ein stämmiger Bursche mit Brille, rümpfte bereits mit der Miene, doch der andere, ein älterer, mit langem Gesicht, musterte ihn kritisch.

„Es gibt nichts zu glotzen, alter Kerl!“, bemerkte der Brillenträger und machte eine abfällige Handbewegung in Chem Waks Richtung.

Und Chem Wak setzte sein bestes Lächeln auf.

„Gerne, sobald Sie mir erklärt haben, was Sie auf meinem Grund und Boden treiben.“

Nun tauschten die Beamten einen Blick. Ihre Augen fielen kurz auf den Jungen. Sie schienen etwas abzuwägen, ehe sie sich wieder an Chem Wak wandten.

Diesmal sprach ihn der Andere an: „Uns wurde ein Einbruch gemeldet. Der Junge hatte sich in Ihrem Haus verirrt. Möchten Sie Anzeige erstatten?“

„Anzeige erstatten?“, plapperte Chem Wak nach und gab sich dümmlich, „Verzeiht, die Herren. Aber warum sollte ich meinen Gast anzeigen wollen? Ich selbst habe ihn hineingelassen.“

Und auf eine verquere Weise stimmte das auch.

Alte Gewohnheiten starben nur schwer. Und so vermochte Chem Wak nicht gänzlich zu lügen. Nicht, nachdem er sie erst neulich anflunkern musste. Nicht, nachdem er sie zurücklassen musste.

Schon wieder.

„Also sind die umgeworfenen Möbel ein Missverständnis?“, erkundigte sich der Brillenträger nun.

Chem Wak legte den Kopf schief. Er sah noch einmal auf den Jungen. Klein. Schlank. Mandelförmige Augen. Dunkles Haar. Aber die Nase hatte er definitiv von dessen Mutter. Eine nette Frau, die ihm gegenüber wohnte und viel zu viele Laster durchs Leben schleppte.

„Jam“, sprach er den Jungen mit dessen Rufnamen an, den wahrscheinlich jeder schon einmal in der Nachbarschaft gehört hatte, nachdem der Bengel seine Mutter in den Zorn getrieben hatte, „Reden die Herren von meiner Unordnung oder hast du wieder randaliert? Wie willst du das vor der Schule wieder in Ordnung bringen?“

„Verzeihung, Mr. Belial“, nuschelte der Kleine und trat einen Kieselstein beiseite.

Die Polizisten tauschten einen Blick. Sahen auf Chem Wak. Blickten auf den Jungen.

„Ich glaube, Sie können gehen, ehe ich Sie sich selbst anzeigen lasse“, bemerkte Chem Wak mit einem höflichen Lächeln.

Unbeeindruckt verabschiedete sich der Mann mit dem langen Gesicht. Der Brillenträger stolzierte jedoch pampig von dannen. Ein eigenartiges Duo.

Doch benötigten sie nicht weiter seiner Aufmerksamkeit.

„Ich mag es nicht, wenn man bei mir einbricht“, erklärte er dem Jungen.

Unbeeindruckt zuckte dieser mit den Schultern.

„Sie haben nicht abgeschlossen.“

Jamaris Todds Gesicht hatte sich von ihm abgewandt. Er sah zu seinem eigenen Heim hinüber. Wirkte etwas gebeugt. Wirkte dennoch so widerspenstig. So uneinsichtig.

„Meinst du, das Schloss ist das einzige Hindernis, wenn man bei jemanden einbrechen möchte?“

Der Junge sah auf. Starrte ihn kurz an. Runzelte die Stirn.

Und Chem Wak erinnerte sich wieder an seine Regeln.

Keine Beziehungen. Keine Freundschaften.

„Wie dem auch sei. Wenn ich dich das nächste Mal erwische, wird es dein letztes Mal sein“, er verbat sich jegliches Mitgefühl, jegliche Nächstenliebe, „Glaub ja nicht, dass ich dich lebend davonkommen lasse. Das Gefängnis wäre zu gut für dich!“, zischte er mit so viel Nachdruck, wie er aufbringen konnte.

Und es funktionierte.

Der Junge rannte davon, als wäre der Teufel hinter ihm her. So schnell würde er keinen Einbruch oder gar Diebstahl wagen.

Und Chem Wak wank seinen Fahrer fort. Er hatte ein Haus aufzuräumen.

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