C: Seltsamer Schutzengel

Müde rieb sich Liane die Augen und schloss das Buch, in dem sie eigentlich noch lesen sollte. Es brachte nichts. Sie war fast zu Hause und die Busfahrt war einfach zu einschläfernd dafür. Die holprigen Straßen luden geradezu dazu ein, die Lider zu senken und sich den Träumen über andere Welten hinzugeben.

Welten, von denen einzig sie zu träumen schien.

„Das wird heute nichts mehr“, knurrend steckte sie das Schulbuch in ihre Tasche und schmulte auf ihr Handy. Kurz vor neun. Sobald sie zu Hause ankam, müsste sie sich wieder ums Abendbrot kümmern, duschen und ins Bett. Ihr Vater würde nicht vor elf zurücksein und ihre Mutter?

Die Frau war doch schon seit fast zwölf Jahren überfällig! Seitdem sie Liane nach ihren Träumen ausgefragt und diese für zu anstrengend befunden hatte.

„Verzeihung?“

Irritiert sah Liane den Mann schräg vor ihr an. Er war klein. Etwas rundlich. Hohe Stirn. Kleine Augen. Kurzgeschorene Haare.

Seltsam.

„Ja?“, sie versuchte, höflich zu klingen.

Sonst hatte sie noch nie ein Fremder angesprochen.

„Hätten Sie kurz die Uhrzeit für mich?“

Liane blickte noch einmal auf ihr Handy herab. Blinzelte.

„Um neun“, las sie nachdenklich ab.

Wieso kam ihr diese Person so bekannt vor?

„Danke! Da hatte ich heute Morgen doch allen Ernstes meine Armbanduhr vergessen“, lachte der Mann und zeigte sein nacktes Handgelenk, „Das ist sicherlich nicht mehr zeitgemäß, oder?“

Unsicher rutschte sie ein Stückchen von ihm weg. Die Worte klangen falsch in ihren Ohren. Seltsam. So, als besäße er doch eigentlich gar keine Uhr.

„So alt sehen Sie überhaupt nicht aus“, bemerkte Liane vorsichtig.

Sie schloss ihre Tasche wieder, behielt das Handy jedoch vorsichtshalber in der Hand, während sie durch den Bus blickte. Außer ihnen befanden sich nur noch der Busfahrer und eine alte Dame mit Hund in dem Fahrzeug. Und keine der beiden Personen machte einen sonderlich wachen Eindruck.

Ob das an der Finsternis da draußen lag?

„Wohl wahr! Dann bin ich wohl einfach in einer anderen Welt hängen geblieben“, lachend wandte sich der Mann ab und guckte aus dem Fenster.

Das Gefühl ebbte wieder ab.

Seltsam. Menschen waren einfach seltsam. Liane wusste nicht warum, aber immer wieder empfand sie andere Leute als falsch. Es war wie ein innerer Kompass, der ihr etwas aufzeigen wollte. Etwas, was sie nicht ganz zu deuten wusste. Selbst jetzt, nach sechzehn Jahren ihres Lebens, wollte sich dieses Gefühl nicht einordnen lassen.

Es kam.

Und es ging.

Es war egal, wie gut sie die anderen Leute kannte. Eine Zeit lang hatte sie sogar geglaubt, niemanden vertrauen zu können. Aber daran konnte es nicht liegen. Sie würde ihrem Vater ihr Leben anvertrauen und dennoch hatte sie selbst bei ihm immer wieder dieses Gefühl. In vollkommen normalen Gesprächen!

War sie kaputt?

Diese Frage hatte sich Liane viel zu oft gestellt. Und noch öfter als sie in die Pubertät kam! Immer wieder schlichen sich Zweifel in ihre Gedanken. Sie ließen Liane die traumlosen Schlaftabletten vergessen, die ihr der Arzt verschrieben hatte und holten diese verschobene Welt voller Wunder und Schrecken zurück.

Der Bus hüpfte über ein Schlagloch und ihre Augen fielen auf die Anzeige. Eilig drückte sie den Halteknopf, griff ihre Tasche und flog bei quietschenden Reifen zur Tür.

„Beim nächsten Mal hoffentlich früher, Mädel“, rief der Fahrer genervt nach hinten.

„Entschuldigung!“

„Verzeihung, Verzeihung. Da hätte ich es auch fast verschlafen“, schloss sich die Stimme des Fremden an und wieder kehrte das seltsame Gefühl  zurück.

Hastig sprang sie aus dem Bus und wollte schon loslaufen, da hielt er sie bereits wieder auf.

„Ich weiß, ich muss sehr nervig sein“

„Ach, was“, wich sie seinen Worten aus.

„Ich suche die Rei-En-Straße. Sie soll laut Karte irgendwo Richtung Norden sein, aber bei dem Tageslicht kann ich Osten nicht von Westen unterscheiden“, seine eine Hand strich über seine Haare, die andere betastete den Anhänger seiner Kette.

Irgendeinen Stern mit einem Stein in der Mitte. Ein seltsames Ding.

„Die ist dort hinten“, antwortete Liane ruhig, wenngleich ihr Unwohl wurde, „Geradeaus und die dritte Querstraße dann“

In der Straße wohnte sie mit ihrem Vater. Sie hatte eigentlich gehofft, dass sie nun alleine nach Hause gehen könnte. Immerhin war der Ort abends ziemlich verlassen und außer den alten Häusern und einigen Bäumen sehr leer. Selbst die gewaltigen Zäune der diversen Grundstücke vermochten die Leere nicht zu füllen.

Müde fiel ihr Blick auf den großen Vollmond. Der Fremde war ihr zu seltsam. Zu vertraut und sonderlich zugleich.

„Ah! Vielen Dank. Wirklich hilfsbereit von Ihnen“

Liane umklammerte ihr Handy fester. Das Gefühl des Unwohlseins ließ auf unerklärliche Weise nach und irritiert legte sie den Kopf schief. Ja, die Dunkelheit machte ihr keine Angst. Auch die dumpf flackernden Laternen kümmerten sie nicht. Sie war diesen einsamen Weg gewohnt. Nicht aber den seltsamen Mann, den sie immer genauer musterte.

Sollte sie nicht Angst haben?

Außerdem… So alt konnte er nicht sein. Mitte Zwanzig? Ja, das könnte hinhauen. Allerdings ließ sich sein Alter nicht sonderlich gut schätzen. Etwas in ihr wollte ihn Jahrzehnte älter machen. Aber das konnte doch unmöglich der Fall sein!

Sie hielt etwas Abstand zu ihm, als sie in dieselbe Richtung gingen. Ließ ihn schräg vor ihr laufen. Beobachtete dabei seinen Gang. Die Art und Weise, wie er beinahe über seine Beine zu stolpern schien, als wären sie ihm einfach zu lang.

So jemand konnte ihr einfach keine Angst machen.

„Besuchen Sie jemanden?“, fragte sie vorsichtig und achtete dabei auf seinen nickenden Kopf.

„Ja und nein. Meine alte Freundin weiß noch nicht, dass ich vorbeikomme. Von daher kann ich es wohl kaum einen Besuch nennen“

„Konnten Sie vorher nicht anrufen?“, irritiert bedachte sie sein Lächeln, das offener und echter wirkte, als alle anderen, denen sie bislang begegnet war.

„Ich habe ihre Nummer nicht. Allerdings durfte ich mir keine Zeit mehr lassen. Es ist essentiell wichtig, dass ich heute komme, um sie vor einem Fehler zu bewahren“, seine Stimme wurde fester, sicherer.

„Aber… woher wollen Sie dann wissen, dass sie zur rechten Zeit kommen?“, Liane zog ihre Jacke enger an ihren Körper. Der kühle Oktoberwind zerrte an ihren langen Flechtzöpfen und ließ einige lockere Strähnen tanzen.

„Wenn ich zu spät wäre, wäre sie nicht mehr am Leben“

Er lächelte sie wieder an. So herzlich und ehrlich, dass sie ihm jedes Wort glauben musste. Woher nahm er nur diese Sicherheit? Und warum…

Warum war das Gefühl der Unsicherheit plötzlich komplett verflogen? Warum vertraute sie dem Fremden? Es war, als wisse sie, dass er sie nicht anlog. Als würde Ehrlichkeit in jedem seiner Worte stecken und noch etwas mehr.

Was war das?

„Das klingt keineswegs optimistisch“, sie ließ das Handy in ihre Jackentasche gleiten und rieb die Hände aneinander.

Der Wind peitschte noch einmal auf. Wild suchte er sich den Weg durch ihre Kleidung und schickte ein Frösteln durch ihre Gliedmaßen. Ach, wie sehr sich Liane doch etwas mehr Wärme wünschte! Sie mochte den Herbst nicht. Und erst recht nicht den Winter! Alles war immer nur so kalt und unbarmherzig und so… leer.

Ja. Das war es, was sie am Winter störte. Er gab ihr ein Gefühl der Leere. Lag es daran, dass ihre Mutter sie im Winter verlassen hatte? Vielleicht. Aber-

Das seltsame Gefühl kehrte aus irgendeiner verborgenen Falte in ihrem Innersten zurück.

„Ich wurde nicht geboren, um optimistisch zu sein“, lachte der Mann auf.

Er schien noch etwas sagen zu wollen, jedoch behielt er es dann doch für sich. Worte, die unausgesprochen zwischen ihnen hingen.

Und dennoch verscheuchten sie das aufkeimende Gefühl erneut.

Seltsam.

Sie blieb an der Kreuzung zur Rei-En-Straße stehen. Links von ihr ragte das Einfamilienhaus empor, in dem sie mit ihrem Vater wohnte. Daneben reihten sich die Gebäude ihrer Nachbarn.

So weit abgelegen von Centy lebten fast nur alte Leute. Liane senkte sicherlich den Altersdurchschnitt der gesamten Straße um ein halbes Jahrzehnt! Die Gegend sollte eigentlich vor gut zwanzig Jahren aufblühen – damals hatte ihr Vater das Haus auch gekauft. Aber zwei ertrunkene Kinder im naheliegenden See später, war der Ort nicht mehr sonderlich begehrt.

Einzig die Leute, die nichts mehr zu verlieren hatten, zogen hierher.

„Dann hoffe ich, dass Sie ein schönes Wiedersehen mit ihrer alten Freundin genießen“, sie verabschiedete sich nickend und kehrte ihm den Rücken zu.

„Aber das hatte ich doch bereits, Lilith“

Etwas in ihr erstarrte. Liane runzelte die Stirn. Der Name klang viel zu vertraut in ihren Ohren wider. Er bat sie darum, sich umzudrehen. Den Mann genauer zu betrachten.

„Wie bitte?“

„Geh noch nicht ins Haus, Lilith“

Weiß traten die Knöchel seiner Hand hervor. Er umschloss darin den Anhänger einer Kette. Etwas von dem Metall guckte zwischen seinen Gliedern hervor. Eine Zacke, die ihr so vertraut schien.

„Tut mir leid, ich kenne keine Lilith“

Das Gefühl der Falschheit überkam sie mit einer solch heftigen Wucht, dass ihr kurz schwindelig wurde.

Moment. Falschheit? Bitte was? Wieso war das falsch? Wieso sollte der Name falsch sein?

„Du kannst nicht lügen, kleine Lilith. Das konntest du noch nie“, der Mann schüttelte lächelnd den Kopf, „Genauso wie ich nie das sehen konnte, was sich meine Familie von mir wünschte. Aber genau deswegen kann ich dich nun beschützen“

Liane wusste, dass ihr der Mann seltsam vorkommen sollte. Dass sie lieber wegrennen sollte. Dass so etwas doch nicht normal sein sollte!

Aber stattdessen fühlte sie sich plötzlich so unfassbar wohl. Als hätte sie endlich das größte Rätsel der Welt gelöst, ohne gar eine Antwort zu erhalten.

Seltsam.

„Das macht keinen Sinn“, entflohen ihr die Worte.

Still formten ihre Lippen den fremden Namen. Nein. Ihren Namen? Sie war sich nicht mehr sicher.

Und trotzdem wusste sie es.

„Alles macht irgendwo Sinn. Aber in unserem Falle ist der Ort ziemlich gut versteckt“

Liane nickte. Dann schüttelte sie ihren Kopf. Sie starrte auf die Spitzen des Anhängers, die der Mann nicht mit seiner Hand verdeckte. Runzelte die Stirn. Schüttelte noch einmal den Kopf.

„Verzeihen Sie, aber es ist bereits spät. Ich muss nach Hause und-“

Der Mann griff nach ihrem Arm. Er umschloss ihr Handgelenk so eisern, dass sie erschrocken aufschrie. Ihre Augen fanden seine. Begegneten diesem verzweifelten Blick.

„Eine Minute“, bat er so flehentlich, dass es ihr beinahe Tränen bescherte, „Nur eine einzige Minute, Lilith!“

Sie nickte.

Dann zischte etwas hinter ihr.

Liane wollte sich umdrehen, um nach ihrem Haus zu sehen. Sie wollte wissen, wo dieses seltsame Geräusch herkam.

Da riss sie der Mann bereits mit all seiner Macht um die Straßenecke. Er drückte sie hinter einen Zaun an den Boden. Murmelte seltsame Geräusche. Immer und immer wieder Silben, die ihr bekannt und fremd zugleich erschienen.

Dann wurde alles schwarz.

Das nächste, was man ihr sagte, war, dass jemand in ihr Haus eingebrochen war und dabei die Gasleitung beschädigt hatte.

Das ganze Gebäude war mit dem Eindringling in die Luft geflogen.

Und von dem fremden Mann, ihrem Schutzengel, wie ihn die Feuerwehrkräfte beschrieben, war weit und breit keine Spur mehr.

Ohne ihn wäre sie nicht mehr.

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