K: Renne, Schneewittchen

Ungeduldig wippte Melanie auf dem Kissen – ihrem provisorischen Kindersitz – hin und her. Ihre Gedanken drehten sich um ihre Familie. Um ihren Vater, der Melanie erklärt hatte, dass sie sich nichts mehr leisten konnten. Um ihre Mutter, die Melanie zuletzt weinend in die Arme geschlossen hatte. Um ihre Tante Jill, die sie überraschend besuchen wollte, nur um Melanie wütend mitzunehmen.

Fort aus dem leeren Haus, das immer stickiger, das immer komischer gerochen hatte.

„Wo sind deine Eltern?“, hatte sie Melanie gefragt, als sie den Notruf auf dem toten Telefon wählen wollte.

Die Leitung war ihnen bereits einige Tage zuvor abgeknipst worden.

„Papa hat gesagt, ich solle hier auf sie warten. Und Mama hat gesagt, dass es okay wäre. Auch wenn mich der Rauch zum Husten bringt, wird er alles besser machen und all unsere Probleme lösen.“

Danach hatte ihre Tante Jill sie ganz fest in die Arme geschlossen. Sie hatte geflucht. Sie hatte das Mädchen mit nach draußen genommen. Sie hatte Melanies Haare zurückgebunden. Das schwarze, dicke Gestrüpp, das das Kind kaum zu bändigen wusste.

„Das ist nicht richtig …“

Mittlerweile war Melanie das auch bewusst. Mehrere Monate waren seit dem Tag vergangen, an dem ihre Eltern sie in einer Todesfalle ausgesetzt hatten. Versicherungsbetrug wegen Kredithaien, so hatte es ihre Tante Jill genannt und sie mit zu sich genommen. Dort wäre das kleine Mädchen sicher, hatte sie betont. Dort könnte ihr niemand etwas antun!

Und Melanie hatte ihre Eltern nie mehr gesehen.

Aber dann war ihre Tante gestern so aufgebracht nach Hause gekommen. Ihre Wange hatte geblutet. Ein gerader Schnitt hatte die sonst unversehrte Haut geziert. Sie war außer Atem gewesen. Tante Jill hatte Melanie einzig eine Puppe in die Hand gedrückt, einige Kleidungsstücke in einen Beutel gestopft und war mit ihr zum Auto gesprintet.

Seitdem waren sie gefahren.

Melanie schielte zu der Frau herüber. Zu diesen feuchten Wangen und den geröteten Augen. So hatte sie ihre Tante Jill noch nie erlebt! Sonst war sie nicht … so. So …?

Wie eigentlich?

Ihr fielen keine richtigen Worte ein.

Das Radio knackte und Melanies Blick richtete sich auf das Gerät. Es hatte immer mehr gerauscht, seitdem sie in den Wald gefahren waren. Zuerst hatte das Mädchen es auf die Fahrbahn geschoben. Immerhin hörte sie jeden Stein des Sandweges unter den Rädern. Nun jedoch glaubte sie, dass es eher an der Abgelegenheit lag. An der Einsamkeit …

Ein beklemmendes Gefühl suchte sie heim.

Würde ihre Tante sie auch zurücklassen? Genauso, wie ihre Eltern es vorgehabt hatten? Und warum? Nur wegen einer doofen Geldwette, wie ihre Tante es ihr erklärt hatte?

Woher der Sinneswandel?

„Tante Jill?“, übertönte sie die Musik, die mehr Knistern als verständliche Töne beinhaltete, „Wo sind wir hier?“

„Moment, mein kleines Schneewittchen“, sprach die Frau sie mit ihrem Spitznamen an, „Irgendwo hier … Selina meinte zwar, ich solle der Straße nur folgen, aber … dann-“

Stirnrunzelnd sah Melanie wieder aus dem Fenster. Sie konnte einige Tiere im Wald erblicken. Eichhörnchen, einen Fuchs, Vögel und war das ein Marder? Wie sahen Marder eigentlich aus? Ihr Vater hatte sie mal als kleine bissige Hunde beschrieben. Aber warum hielt sich dann keiner so ein Tier? Oder waren sie allen zu bissig?

War sie ihren Eltern zu bissig gewesen?

Sie drückte ihre Puppe enger an ihren schmalen Körper. Ein kleines Spielzeug in einem rosafarbenen Kleid mit pechschwarzem Haar und heller Haut – genauso wie sie! Deswegen hatte ihre Tante sie für Melanie gekauft!

Sie waren beide Schneewittchen.

Aber wollte sie ein Schneewittchen sein? Die böse Stiefmutter versuchte doch, die Prinzessin umzubringen! Erst durch den Jäger, dann durch ihre Zauber … Warum rächte sich die Prinzessin später mit dem Prinz nicht? Und warum hörte die böse Stiefmutter eigentlich auf, Schneewittchen zu verfolgen? Sie war doch gewiss nicht plötzlich die Schönste im ganzen Land geworden und-

„Hier“, riss Tante Jill sie aus ihren Gedanken und Melanie schreckte hoch. Ihre Augen fanden ein großes Gebäude umringt von Bäumen. Davor spielten drei Jungs fangen. Einer war etwa in ihrem Alter, aber die anderen Beiden sahen aus wie … neun? Zehn? Sie waren locker doppelt so alt wie sie. Das Spiel wirkte erst nicht sehr fair. Bis ihr auffiel, dass der Jüngste am schnellsten wirkte. Er hetzte in einem Tempo über den Rasen, das sie kaum für möglich gehalten hätte!

Was sollte hier sein?

„Warte kurz, ja? Nur ein paar Minuten“, murmelte ihre Tante, noch ehe das Auto am Straßenrand hielt.

Und eilte kurz darauf zum Haus.

„Warum auch mit mir reden“, murmelte Melanie zu ihrer Puppe und ließ sie hin und her hüpfen, „Jetzt sind wir schon wieder allein.“

Die Puppe blickte sie emotionslos an. Sie konnte nicht reden. Egal, wie sehr das Mädchen es auch wünschte!

Niemand sprach wirklich mit ihr.

Seufzend sah sie auf. Ihr Blick wanderte über die neugierigen Jungs, die ihr Spiel unterbrochen hatten, zu dem Haus, hinüber zum Waldrand und-

Sie blinzelte. Hatte sie da jemanden gesehen? Sie hatte geglaubt, den Schatten einer Person dort ausmachen zu können, aber … nein. Da war nichts. Sie musste es sich gewiss nur eingebildet haben!

Dennoch drückte sie ihre Puppe näher an ihren Oberkörper und blickte zum Haus zurück. Melanie wünschte sich ihre Tante Jill zurück. Sie verstand diesen Ausflug nicht. Sie wollte diesen Ausflug nicht. Sie wollte-

Die Haustür öffnete sich schlagartig und ihre Tante trat mit einer anderen Frau hinaus. Sie unterhielten sich. Ihre Tante wild und nachdrücklich. Die andere Frau ruhig und zustimmend.

Dann kamen noch zwei Jugendliche heraus. Ein Junge und ein Mädchen. Sie sahen so alt wie der Sohn von Jills Nachbarn aus. Vielleicht also so vierzehn? Fünfzehn? Sie konnte die älteren Kinder immer so schlecht einschätzen.

Die Augen der Teenager wanderten zu Melanie herüber, ehe sie nickten.

Der Junge verschwand im Haus.

Das Mädchen kam zum Auto und klopfte sachte gegen das Fenster.

„Hallo“, sie rückte ihre wacklige Brille zurecht, „Mein Name ist Anja. Wie heißt du denn?“

„Schneewittchen“, antwortete Melanie durch das geschlossene Glas.

„Ein schöner Name“, entgegnete die Fremde ohne auf das Märchen oder gar die offensichtliche Lüge einzugehen, „Bestimmt wegen deiner tollen Haare, oder? Wollen wir zu deiner Tante und Sabine rübergehen?“

Unsicher sah Melanie zu den Erwachsenen herüber. Diese fremde Frau kehrte ihr gerade den Rücken zu. Aber ihre Tante Jill lächelte ermutigend.

Es war in Ordnung.

Zögerlich folgte sie dem Mädchen zum Haus. Sie spitzte ihre Ohren. Lauschte den Worten der Erwachsenen. Konnte nur die Jungs hören.

„-hierbleibt?“

„Ach, lass sie. Neugierige Tratschtüten kann keiner gebrauchen, Flo.“

„Sie sieht fertig aus.“

„So wie du, nachdem Janine raus ist.“

„Gar nicht wahr!“

„Und wie dann, Nik?“

„Ich weiß auch nicht, aber-“

„Das reicht ihr drei“, mischte sich plötzlich Melanies Begleitung ein, „Die Gerüchteküche ist geschlossen, sonst könnt ihr meinen Küchendienst übernehmen!“

„Wenigstens kann Ben besser kochen als du!“, rief einer der älteren Jungs zurück und wich sofort seinem gleichaltrigen Spielkameraden aus.

„Das sagst du nur einmal, Flo!“

Lachend verschwanden die Jungs und seufzend drückte Anja ihre Hand.

„Keine Sorge. Sie brauchen ein paar Tage, ehe sie auftauen. Aber dann sind sie furchtbar nett und hilfsbereit.“

Melanie nickte irritiert.

Was wollte ihr das Mädchen damit sagen? Gewiss würde sie keine paar Tage hierbleiben … Das war nur ein Ausflug! Nur ein doofer Ausflug. Ein Ausflug der heute enden würde und-

„Melanie, Süße?“, überrascht bemerkte sie, dass sie bereits vor ihrer Tante stand. Ihre Tante Jill hatte sich sogar zu ihr hinabgekniet! Ihre Hände ruhten auf Melanies Schultern. Sie drückte das Mädchen sachte.

„Die Frau hinter mir heißt Sabine. Sie weiß, was mit deinen Eltern ist. Ich habe ihr alles erzählt, was ich mir zusammenreimen konnte. Denn die traurige Wahrheit ist … Egal wie sehr ich es mir auch wünsche, aber du bist nicht mehr sicher bei mir. Ich habe keine Möglichkeiten, dich weiterhin zu beschützen. Und dir steht der größte Schutz der Welt zu“, sie seufzte und schüttelte den Kopf, „Fakt ist, dass du bei mir in Gefahr bist. Deswegen musst du erst einmal hierbleiben. Sobald sich daheim alles entspannt hat, werde ich dich abholen. Aber bis dahin musst du dich bedeckt halten.

Du musst Melanie Speight sein. Das ist der Mädchenname meiner Mutter. Der Name der Frau, nach der du benannt wurdest. Und wenn dich irgendjemand mit deinem alten Familiennamen rufen oder gar ansprechen sollte, dann bitte, mein kleines, zuckersüßes Schneewittchen.

Renne.“

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