M: Zu viel des Guten

„Bitte hört auf zu schreien!“, bat sie die Zwillinge erschöpft.

Nur blieben die beiden Mädchen unbeeindruckt von Janes Verzweiflung.

„Soll ich-“

„Du hast Sophie beim letzten Mal beinahe Kuhmilch gegeben, also nein!“, herrschte sie ihren Mann an, „Marsch, zu deinem neuen Job. Du machst mir sonst nur noch mehr Arbeit!“

Mit eingezogenem Kopf hetzte ihr Mann durch die Apartmentwohnung, die sie sich in Centy gemietet hatten. Ein kleines, überschaubares Ding deren Miete sie sich geradeso von seinem Gehalt leisten konnten. Ihr ganzes Leben hatte sich in eine stressige Nullrechnung verwandelt, die vor zwei Wochen nur noch schlimmer geworden war, als ihre Töchter auf die Welt kamen.

Wer hätte geahnt, dass Babys so viele Windeln verbrauchten?

„Es kam übrigens wieder Post für dich“, bemerkte Danni, ehe ihr wütender Blick ihn endgültig aus der Wohnung vertrieb.

„Schon gut. Schon gut, Marie. Ist doch alles in Ordnung“, versuchte sie ihre jüngere Tochter zu beruhigen, „Du hast getrunken. Du hast einen frischen Popo. Ja, es ist etwas warm hier, aber daran kann Mom nichts ändern. Also, bitte. Was ist euer Problem? Rede mit mir!“

Geschrei antwortete ihrem Flehen und zum wiederholten Male in den letzten beiden Wochen hatte sie endlosen Respekt vor ihrer Freundin, die bereits zwei Söhne hatte und nie mit den Knirpsen überfordert gewesen schien.

Sie vermisste Lisa.

Seufzend blendete sie die Schreie aus. Sie sah zu ihrer anderen Tochter im Babybett hinüber, ehe sie Marie dazulegte und kurz das Zimmer verließ.

Jane musste durchatmen. Sie brauchte Ruhe. Sie brauchte Abstand.

Das war nichts für sie.

In den letzten 21 Jahren ihres Lebens hatte sie bereits so viel getan. Das Meiste davon war zwar nur auf Anweisung oder Zwang erfolgt, doch hatte sie sich auch nie sonderlich dagegen gewehrt. Sie hatte ihre Aufgaben erfüllt. Ihr Gewissen weggesperrt. Bis ihre Freundin ihr hineingeredet hatte.

Hätte sie sonst je Zweifel bekommen? Hätte sich ihr Verhalten gegenüber ihren Geschwistern verändert? Oder das gegenüber ihrem Vater? Hätte sie Merichaven gar verlassen? Dieses Leben der Gewalt hinter sich gelassen?

Jane wusste es nicht.

Erschöpft rieb sie sich den Schlafsand aus den Augen und wünschte sich nichts sehnlicher, als eine Tasse Kaffee. Doch hatte diese beim letzten Mal alles nur noch verschlimmert.

Das konnte sie sich nicht leisten.

Stattdessen nahm Jane sich eine verschlossene Packung Saft aus dem Kühlschrank. Sie genoss die ihr entgegenströmende Kälte für einen Augenblick und überflog dann kurz die Briefe.

Rechnung. Rechnung. Werbung. Rechnung. Jasmine-

Einen Augenblick lang beäugte sie den Brief ihrer Schwester missmutig. Dann zog sie langsam eine Holztruhe vom Regalbrett über der Garderobe. Es war das Einzige, was sie von daheim mitgenommen hatte. Das Einzige, was von Bedeutung war.

Ihre Absicherung für ein friedliches Leben.

Die Schreie ihrer Töchter drangen zu ihr herüber und ohne weiter darüber nachzudenken, schloss sie die Truhe mit zitternden Händen auf und warf das Papier ungelesen hinein. Ihr Blick schwankte über den restlichen Inhalt. Die wenigen Dinge, die sie nicht bei ihrer Freundin verwahren konnte oder gar wollte…

Dann war die Box wieder verschlossen und neben den Hüten und Mützen verstaut.

Diese Erschöpfung tat ihr nicht gut.

„Sophie, warum schreist du denn nur so laut?“, beschwerte Jane sich, sobald sie ins Zimmer kam. Ihr Bauch schmerzte vor Hunger, jedoch ignorierte sie es gekonnt.

Die Geburten waren schlimmer gewesen.

Die Babys hatten beide ihre Augen zusammengekniffen. Die Nuckel waren ihnen egal. Alles schien ihnen egal zu sein.

Schrien sie nur um des Schreiens Willens?

Jane spürte Hass in sich auflodern. Wut. Verzweiflung. Ihre Hände zitterten. Sie wollte das nicht. Das war ihr alles zu viel! Sie konnte damit nicht umgehen. Sie wusste nicht wie. Sie-

Ein Gefühl der Liebe durchflutete sie, als sie sich an die seligen Gesichter ihrer Babys erinnerte. Ihre Zwillinge konnten auch anders.

Wenn sie schliefen.

Gezwungen ruhig nahm sie sich ihre ältere Tochter aus dem Babybett. Sie drängte alle negativen Gefühle fort. Starrte auf das kleine Gesicht. Dann auf das andere.

Unbeholfen fischte sie sich auch Marie heraus. Sie ließ sich mit beiden Mädchen auf den Schaukelstuhl fallen, den ihr Mona geschickt hatte. Sie erinnerte sich daran, wie die Frau sich früher um sie gekümmert hatte. Wie sich die Ältere um ihre anderen Kinder gesorgt hatte. Wie deren jüngste Tochter immer so anhänglich gewesen war und sich kaum beruhigen lassen wollte.

Die Melodie verließ Janes Lippen, ehe sie ihr bewusstwurde. Sie summte das Lied, das sie selbst viel zu oft gehört hatte. Eine so einfache Tonspur, die sie nirgendswo sonst vernommen hatte.

Einzig bei ihrem alten Kindermädchen.

Allmählich beruhigten sich die Zwillinge. Zuerst Marie, die sie mit müden Augen anblinzelte. Dann Sophie, deren Augen bereits wieder etwas verklebt aussahen.

„Ihr wollt mich doch-“, kopfschüttelnd unterbrach Jane sich. Stattdessen summte sie die Melodie lieber noch etwas weiter. Erst wenn die Beiden schliefen, konnte sie sich sicher sein, dass das Geschrei aufhören würde.

Vorerst.

„Ich brauche Hilfe“, gestand sie sich still ein.

Sie wusste nicht, wie viele Stunden sie bereits in dem Schaukelstuhl saß und vor sich her summte. Sie hatte sich nicht getraut, sich zu viel zu bewegen. Hatte ausgeharrt. Glaubte nun bereits seit Stunden dort zu hocken.

Sie war durch.

Danni konnte ihr in all seiner blinden Liebe kaum helfen. Er war eine Niete in Sachen Kindern. Er hatte die Säuglinge gleich mit Brei füttern wollen und danach die Vollmilch aus dem Kühlschrank geholt, als sie ihn zurechtwies. Zuletzt hatte der Mann es nicht einmal geschafft, Marie zu wickeln und die ganze Packung Babypuder auf dem Teppich verteilt.

Nein. Sie brauchte jemand anderen.

Ihre Freundin Lisa hatte genug zu tun. Und sie kam aus Merichaven nicht weg. Noch nicht. Mortes würde seine Frau kaum durch das halbe Land reisen lassen, selbst wenn sie zu Jane unterwegs war. Er war viel zu besorgt und überfürsorglich dafür. Und Jane wollte nicht der Grund sein, warum die Zwei stritten.

Sie hatten immerhin zwei Söhne, verdammter! Jungs, die sie selbst viel zu sehr ins Herz geschlossen hatte und die ihre Mutter außerdem vermissen würden. Denn diese würde den Kleinen sicherlich keine Weltreise zumuten.

Nein. Lisa um Hilfe zu bitten wäre viel zu egoistisch.

Wer käme sonst noch in Frage? Mortes Schwester hatte in Havbolt zu tun. Auch viel zu weit weg. Mona würde irgendetwas im Gegenzug haben wollen. Und alle anderen aus ihrem früheren Job waren ihrem Vater zu sehr verfallen. Und ihre Geschwister…

Gott behüte! Ehe sie sich an irgendjemanden aus ihrer restlichen Familie wenden würde, würde sie lieber ins Gras beißen! Sie hatte erst vor einem Monat den Privatdetektiv bedrohen müssen, den ihre Schwester ihr hinterhergeschickt hatte. So sollte der Mann wohl in Erfahrung bringen, wie es ihr erging und ob sie Geld bräuchte.

Er musste Jasmine ihre Adresse zugesteckt haben.

Seufzend ließ sie den Kopf nach hinten fallen und starrte an die Zimmerdecke. In ihren Händen reckte sich Sophie ein wenig. Sicherlich hatte sie schon wieder Hunger. Da war sie sicherlich nicht die Einzige in diesem Haushalt…

Wer bliebe noch über? Wem vertraute sie genug, um ihn um Hilfe zu bitten? Wer hatte nicht zu viel mit ihrem Vater zu tun? Wer käme mit Kindern klar und könnte-

Ein Gesicht tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Eine etwas ältere Frau, die ihr sogar zugesagt hatte, Lisa für Jane zu unterstützen.

Ihr Mann arbeitete zwar für Janes Vater, aber die Dame selbst? Sie hatte sich immerzu liebevoll um Jane gekümmert, wenn diese vorbeikam. Manchmal hatte sie sogar entgegen den Anweisungen ihres Ehegatten gehandelt. Hatte Jane getröstet. Hatte Janes Tränen getrocknet. Hatte selbst vor Mona geschwiegen, als diese Antworten von der Frau verlangte.

Bliebe nur noch zu klären, wie sie Dagmar Kleid unbemerkt erreichen könnte? Und ob Lisa auch ohne die Unterstützung der Frau klarkam.

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