C: Das Wetterleuchten

Sie starrte auf das Licht, das durch den Türspalt in ihr Zimmer fiel. Ein dünner Streifen, der nur gelegentlich von ihrem Vater unterbrochen wurde.

Sie hatte gehört, wie er sich einen Stuhl herangezogen hatte. Sie wusste, dass er wieder vor ihrer Tür sitzen würde. Dass er diesen Baseballschläger umklammert hielt. Dass er bis zum Morgen dort ausharren würde.

Warum? Das war ihr ein Rätsel. Sie spürte seine Sorgen, seinen Kummer, seine Angst. Aber das bedeutete nicht, dass sie verstand, was diese Gefühle in ihm auslöste und warum er plötzlich so überfürsorglich mit ihr umging. Ihre Mama war nicht so aufdringlich. Im Gegenteil! Sie schien sogar noch weniger Zeit für Liane zu haben. Als hätte sie Angst vor ihr?

Nachdenklich malte ihr Zeigefinger auf dem Bettlaken herum. Sie spürte, wie er schon wieder diesen vertrauten Bewegungen folgte. Wie sie einen Stern nachzeichnete. Gedanklich zählte sie die Striche mit, die sie für jeden Himmelskörper brauchte.

Eins. Zwei. Drei. Vier… Dreizehn.

Und schon ging es wieder von vorne los. Es war wie ein Ritual, das ihre Augen zufallen ließ. Das sie in ein Reich der Träume zerrte. Eine Welt, in der zwei Sonnen schienen, die nur kurze Nächte zuließen. In der die Felsen zu atmen schienen. In der das Wasser schwerer war. In der die Luft leichter wirkte.

Und es erscheint dir nicht seltsam?

Die Stimme war so klar in ihrem Kopf, als gehörte sie dort hin. Sie wusste, dass es nicht ihre Gedanken waren. Dass sie von dem Wesen vor ihr kamen. Dem Wesen, das in dieser verschobenen Welt auf sie wartete.

„Ob nun eine Sonne oder zwei, wo ist da schon der große Unterschied, Pico?“, schulterzuckend kletterte Liane über die felsige Landschaft zu ihm herüber.

Er war riesig. Sehr viel größer als ihr Papa und hätte sicherlich nicht durch ihre Zimmertür gepasst. Zwei tiefschwarze, ledrige Flügel bedeckten seinen Rücken und schienen ihn wie ein Gewand zu bekleiden. Die drei Hörner auf seinem Kopf wirkten wie ein Haarersatz der sich monströs gegen Himmel richtete. Mit seinen Augen starrte er auf sie herab.

Augen die genauso duster waren, wie der Rest von ihm.

Wohl wahr… Und dennoch fürchten sich sonst alle vor dem Andersartigen. Martal, Alov, Galeb, Nassen… selbst die Lieva haben kein Interesse an dem Wohl der Anderen… Nicht solange sie diese nicht verstehen können.

Die Stimme schallte glasklar durch ihren Kopf, aber Liane konnte erkennen, dass das Wesen nicht den Mund geöffnet hatte. Oder ihn eher nicht geschlossen hatte. Immer noch stand dieser leicht offen. So als könne dieses Wesen, dieser Pico, ihn nicht gänzlich schließen.

Und dennoch irritierte Liane das nicht so sehr, wie das Wetterleuchten am Horizont.

Wut loderte von dort aus auf. Hass. Frust. Trauer. Zorn. Angst.

Die Gefühle peitschten so heftig auf sie ein, dass sie zurück stolperte. Sie spürte, wie sich der Boden unter ihren Füßen verschob. Wie sie an Halt verlieren wollte. Wie sie gleich auf die harten Felsen fallen müsste-

Stattdessen landete sie in einem der ledrigen Flügel. Pico hatte sich kaum bewegen müssen, um sie damit aufzufangen. Er hatte sich einzig gestreckt.

Eine Entschuldigung lag in seinem Blick.

Geht es wieder?

„Ja“, sie schüttelte sich leicht und ließ sich auf die Beine helfen, ihr Blick glitt über den Himmel, über die verwunschene Landschaft mied das Wetterleuchten, „Ich denke schon“

Sie sind nun schon seit einigen Tagen zerstritten. Nassen und Glosha – ein reines Naturspektakel, wenn sie sich uneins sind.

Liane nickte. In ihrem Kopf konnte sie die Wesen sehen, von denen Pico gesprochen hatte. Sie glaubte, nach diesen leuchtenden Kugeln greifen zu können. Einige von diesen Kugeln verströmten ein so trügerisch warmes Licht. Die anderen Kugeln zuckten wie aggressive Blitze umher.

Diese Nassen und Glosha verursachten dieses Wetterleuchten. Diesen Krieg. Dieses Gefühlschaos.

Liane blinzelte irritiert. Sie trat näher an Pico heran. Hielt sich an seinem rechten Bein fest. Bemerkte nun erst, dass ihre Haare länger waren. Dass sie ihr in zwei geflochtenen Zöpfen seitlich hinunterhingen. Dass ihr Rücken kribbelte. Schmerzen zuckten von dort aus durch ihren Körper. Verebbten jedoch ehe sie aufschreien konnte. Wie ein vergessener Muskelkater.

Und all das fühlte sich normal an. Es fühlte sich richtig an. Als wäre sie daheim. Mehr noch als bei ihren Eltern.

Bei ihren Eltern… Ihrer Mama und ihrem Papa.

„Ist das hier… ist das hier wirklich? Also ist das alles hier echt?“

Pico legte den Kopf schief. Er schien zu lächeln, wenngleich seine Lippen sich nicht nach oben zogen. Stattdessen ging ein leichtes Strahlen von seinen dunklen Augen aus.

Es mag nicht die Realität sein, in der du lebst. Aber wieso sollte sie nicht existieren? Warum sollte nicht dein anderes Leben ein Traum sein? Vielleicht bildest du dir das ja nur ein?

Liane runzelte die Stirn. Sie wusste nicht warum, aber sie vertraute seinen Worten. Sie vertraute ihnen mehr, als all den anderen Leuten, die sonst mit ihr sprachen. Die dann auf sie herabsahen. Die sie für so unbeholfen hielten. Die sie so bemutternd behandelten. Sie so sehr behüteten.

Ihr Blick glitt wieder zu dem Wetterleuchten hinüber. Sie beobachtete die Blitze, die sich auf dem naheliegenden See spiegelten. Farben versteckten sich in diesen Lichtern. Rötliche Farben. Aggressive Farben.

„Ich weiß nicht. Irgendwie wirkt alles… real. Du genauso sehr wie Papa. Und Mama genauso sehr wie die Nassen und Glosha. Und-“

Ein Gedanke durchfuhr sie. So klar und sicher, dass sie davor zurückschreckte. Sie wusste nicht, warum er sie so einnahm oder wie er sich gar in ihren Kopf geschlichen hatte.

Und warum er sie so stark verunsicherte.

Urplötzlich riss sie die Augen auf. Die Welt verblasste. Das Wetterleuchten löste sich in Luft auf. Ihr Arm, mit dem sie Pico umklammert hatte, war leer.

Draußen konnte sie die Vögel hören. Die einsame Sonne ging bereits auf. Etwas morgendlicher Tau lief an ihrer Fensterscheibe hinab.

Genauso wie die Tränen, deren Ursprung sie nicht kannte.

Warum hatte sie sagen wollen, dass sie es alle verdient hatten, ein sinnvolles Leben zu führen? Warum hatte es sich falsch angefühlt, sich für jeden einzusetzen?

Und warum hatte sie sich dabei so gefühlt, als würde sie ihren Pico im Stich lassen?

Ihn verraten?

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