C: Monster oder Beschützer?

„Geht es dir wirklich gut, Liebling?“, fragte der Vater seine Tochter noch einmal besorgt.

Das kleine Mädchen lächelte unbekümmert.

„’Türlich, Papa! Du kannst die Tür heute Nacht ruhig wieder zu machen“, freudig kuschelte sie sich in ihr Kopfkissen und der ältere Mann wagte einen flüchtigen Blick auf den winzigen Tisch im Kinderzimmer seiner Tochter.

Er starrte auf die Zeichnungen. Auf diesen Dämon, den das Mädchen immer wieder zeichnete. Von dem sie behauptete, dass er sie nachts besuchen käme. Das Wesen, das ihr versprochen hätte, sie zu beschützen. Sie in Sicherheit zu bringen …

Er schluckte unsicher. Seine Frau hatte es als Einbildung abgetan. Als einen imaginären Freund. Aber wenn dem so war … warum sollte dieser seiner kleinen Tochter anbieten, sie in Sicherheit zu bringen? Fühlte sie sich hier etwa nicht wohl?

Warum?

„Liane … Du weißt, dass du mit mir über alles reden kannst, ja?“, sachte zog er die Decke höher und strich seinem Schatz eine Haarsträhne aus dem Gesicht, „Egal ob Sorgen oder Ängste – ich werde dir immer zuhören und helfen.“

„Aber es ist doch alles in Ordnung, Papa! Und selbst wenn etwas wäre – Pico beschützt mich! Das hat er versprochen!“

Nickend reichte er seinem Mädchen ihre Lieblingspuppe, doch schob sie diese sofort wieder beiseite. Stattdessen war ihr lächelnder Blick auf den Zeichnungen gelandet. Auf diesen grotesken Zeichnungen eines Dämons oder gar Teufels. Ein Wesen mit gewaltigen Flügeln. Drei Hörner thronten auf seinem Kopf. Und sein Maul reichte von einem Ohr bis zum anderen.

Horrorzeichnungen, die in ihm einen Alptraum auslösten. Nicht, dass der Zeichenstil seiner Tochter half. Durch die Kinderhand wirkte die Figur noch unförmiger und erschreckender, als er für möglich gehalten hätte.

„Ich weiß, wir haben dich alle schon sehr viel dazu ausgefragt, Liane … aber wo hast du diesen Pico getroffen?“, versuchte er erneut seinen kleinen Engel zu verstehen.

Nachdenklich schloss das Mädchen die Augen. Sie wog ihren Kopf hin und her. Falten bildeten sich auf ihrer Stirn. Ihre Lippen zogen sich zusammen.

„Er ist nachts einfach da. Immer dann, wenn die zwei Sonnen aufgehen“, erklärte sie ihm, „Pico beschützt mich. Er hat die zischenden Lichter und Steinwesen vertrieben! Und er hat meinen Rücken angemalt, damit … damit … ich weiß nicht mehr … Aber es war wichtig!“

Unsicher blickte der Vater auf sein Kind herab. Alles in ihm verlangte danach, den Rücken seiner Tochter zu begutachten. Er wollte ihr das Nachthemd herunterzerren, um nach dem Rechten zu sehen. Er wollte diese Zeichnungen verbrennen. Er wollte diesen ganzen Horror aus seinem Haus verbannen. Er wollte dafür sorgen, dass es seinem kleinen Engel gutging!

Nein.

Mit zittriger Faust verdrängte er die Gedanken. Er hatte so oft mit seiner Frau darüber diskutiert. Sie waren alle Möglichkeiten durchgegangen. Hatten nach Lösungen gesucht. Waren sich letztendlich beide einig gewesen, dass es Liane zu sehr verstören würde oder dass es zu einem möglichen Vertrauensbruch führen könnte.

Immerhin hatten sie dem Mädchen doch erst vor einigen Tagen gestehen wollen, dass sie adoptiert war.

Und dann waren die Zeichnungen aufgetaucht. Bilder, die sein Liebling bereits seit Monaten erschuf, wie ihnen die anderen Kinder aus der Vorschule gestanden hatten. An den Betreuern waren diese Kreationen unbemerkt vorbeigegangen. Etwas, was die alten Frauen auf ihre schlechten Arbeitsbedingungen schoben und etwas, was ihn doch nicht interessierte!

„Ist gut“, lenkte er ein – wenn auch nur, um sich selber zu beruhigen, „Ist gut … Wir lassen heute noch einmal die Tür offen und ab morgen ist sie wieder zu, okay?“

Zufrieden nickte das Kind und er strich ihr die glatten schwarzen Haare zurück. Sie wollte schon immer so selbstständig sein, so erwachsen … Dabei wollte er sein Töchterchen doch nur so lange wie möglich in seinen Armen halten und beschützen.

„Mama macht wieder länger?“, fragte sie, während er noch die letzten Enden der Decke zurecht zupfte.

„Ihr ist was dazwischengekommen. Sie sagt dir Morgen wieder Gute Nacht“, offenbarte er lächelnd.

Gähnend nickte sein kleiner Engel. Dieses Mädchen, das er und seine Frau mit so viel Liebe in ihr Heim geholt hatten, nachdem feststand, dass sie keine Kinder kriegen konnten. Er hatte seine Tochter vom ersten Tag an in sein Herz geschlossen. Dieses kleine zerbrechliche Wesen, das damals so sehr auf ihre Hilfe angewiesen war.

Er konnte immer noch nicht verstehen, wie jemand eine Frühgeburt auf der Straße aussetzen konnte.

„Träum was Schönes, Liane.“

„Du auch, Papa!“

Er überspielte seine Unsicherheit mit einem Lächeln, ehe er das Licht löschte und hinausging. Still lehnte er die Tür an den Rahmen. Zog sich einen Stuhl heran. Griff nach seinem Baseballschläger.

Egal welches Höllenmonster ihm seine Tochter wegnehmen wollen würde – er würde es in die Flucht schlagen! Keiner würde ihm seinen kleinen Engel entreißen.

Keiner.

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